Handarbeit braucht’s auch in 40 Jahren.

Zwei Mechaniker, zwei Serviceanlagen, viele Wagen und Lokomotiven –vor dem Hintergrund einer Zeitspanne von vierzig Jahren, in deren Verlauf sich im Berufsbild des Instandhalters so manches verändert hat. Doch was denn eigentlich? Engelbert Baumann (62) und Dario De Vita (25) suchen im Gespräch nach einer Antwort.

Eine kühle Morgenbrise streicht über das Gelände des Rangierbahnhofs Muttenz. Mittendrin erheben sich gleich einer Insel in diesem Gleismeer die Gebäulichkeiten der Serviceanlage von SBB Cargo, über deren Dächern gegen Westen hin aufgelockerte Wolkeneinen sonnigen Tag ankündigen. Dario De Vita (25), ein in Rheinfelden aufgewachsener Secondo mit unverkennbar italienischen Wurzeln, unterbricht seine Arbeit, um in der Cafeteria einen Berufskollegen zu treffen: Engelbert Baumann (62) aus Erstfeld UR. Dieser ist am Morgen von seinem Arbeitsort nahe beim Nordportal des Gotthard-Basistunnels mit dem Zug nach Muttenz gereist. Nach der Ankunft hat er sich unvermittelt in einen noch sauberen orangen Overall gezwängt, als wollte er sofort zum Werkzeug greifen. Derweil streicht sich De Vita sein mit Spuren der Arbeit beflecktes Gewand kurz glatt und streckt dann die Hand aus. Die Begrüssung zwischen den Männern ist herzlich, als würden sie sich seit Jahren kennen. Dabei begegnen sie sich an diesem Morgen zum ersten Mal. Ein Generationengespräch ist angesagt: De Vita steht noch fast am Anfang seiner Karriere, während Baumann gelassenen Blickes der Pensionierung entgegensieht. Doch vieles von dem, was der ältere Mechaniker nun erzählen wird, klingt für den jüngeren Kollegen durchaus vertraut. Denn die Kultur und das Klima in der Güterverkehrsbranche kennt er schon lange, aus seiner Familie. Sein Vater, in den 60er Jahren aus dem Cilento südlich von Neapel in die Schweiz eingewandert, arbeitet seit vielen Jahren bei der Josef Meyer Rail AG in Möhlin. «Und mein älterer Bruder ist schon länger in der Instandhaltung bei SBB Cargo», sagt Dario. Für ihn war es nach Abschluss der Lehre als Anlagen- und Apparatebauer irgendwie naheliegend, sein berufliches Glück an gleicher Stelle zu versuchen.
Nun beschäftigt er sich seit vier Jahren mit dem, was seit mehr als drei Jahrzehnten bei Baumann im Mittelpunkt steht: der Instandhaltung von Rollmaterial für den Schienengüterverehr. Der Arbeitsalltag der beiden Männer unterscheidet sich im Detail allerdings beträchtlich. In Muttenz beherrschen Güterwagen die Szene, in Erstfeld sind – oder waren – es Lokomo­tiven. De Vita ist im eingespielten Zweierteam im Lieferwagen fast ständig auf Achse, um in der ganzen Schweiz Wagen, die irgendwo steckengeblieben sind, zusammen mit einem Kollegen wieder zum Rollen zu bringen. «Mal gilt es, eine Bremsstörung zu beheben. Oder es muss auch mal eine Achse ersetzt werden, was dann Schwerarbeit bedeutet: Der Wagen muss angehoben werden, und um die anderthalb Tonnen schwere Achse an die richtige Stelle zu bewegen, müssen wir den Pneukran ordern», verrät er. Baumann hingegen hat im Gegensatz zu seinem durch die Schweiz nomadisierenden Kollegen die meiste Zeit sesshaft in der Werkstatt verbracht. «In den ersten Jahren habe ich vor allem handwerklich an den Lokomotiven selbst gearbeitet», erinnert er sich. Später dann, als er Team- und schliesslich Werkstattleiter wurde, kam immer mehr Büroarbeit hinzu. Trotzdem habe er, weil ihm das Handwerk mindestens so wichtig war wie das Organisieren und Administrieren, immer wieder beim Unterhalt und der Reparatur der Lokomotiven mitgearbeitet, bis zuletzt.

Neuer Gotthard war das Ende

Bis zuletzt? Baumann tut sich nicht leicht damit, es geradeheraus zu erklären. Der Servicebetrieb in Erstfeld ist nämlich eingestellt worden, weil sich die Bedürfnisse im Bahnbetrieb mit dem neuen Gotthard-Basistunnel starkverändert haben. Teile der Unterhaltsanlage mussten dem Bau des Erhaltungs- und Interventionszentrums für den neuen Tunnel weichen; die Lokomotiven werden nun in anderen Werkstätten unterhalten.
Als diese Änderung feststand, hat Baumann, der im Dezember 2017 zweiundsechzig wird, überlegt, ob er für die letzten Be-rufs­jahre noch in eine andere Serviceanlage wechseln oder ob er sich frühpensionieren lassen soll. Nun wird er im Januar 2018 in Rente gehen. «Es ist eine gute Lösung, der Zeitpunkt und die finanzielle Regelung stimmen für mich», meint er. Er verheimlicht aber nicht, dass er den Entscheid mit einem lachenden und einem weinenden Auge gefällt hat. Einerseits freut er sich auf den Ruhestand und die verfügbare Zeit für sein ausfüllendes Hobby, die Musik. Baumann beherrscht nämlich mehrere Instrumente und spielt in verschiedenen Formationen. Andererseits kommt das berufliche Ende für ihn «schneller, als ich erwartet habe», wie er betont. Derzeit ist er nur noch damit beschäftigt, in Erstfeld aufzuräumen und zu entsorgen. «Ich bin der letzte Mitarbeiter einer Werkstatt, in der früher einmal mehrere Dutzend Männer an Lokomotiven und Güterwagen gearbeitet haben.»
Wenn Baumann heute auf sein Berufsleben zurückblickt, schwingt Melancholie mit; er hat seine Arbeit bei der Bahn immer geschätzt. «Die damit verknüpfte Technik ist ein unbegrenztes Feld und stets im Wandel, sodass es mir nie langweilig geworden ist», sagt er. Über die Jahr­zehnte hat sich tatsächlich so manches im Arbeitsprozess und an den Fahrzeugen verändert. Etliche Dinge, die längst selbstverständlich sind, gab es in den 70er Jahren noch nicht, etwa den Komfort einer Klimaanlage im Führerstand. Baumann erinnert sich lebhaft, wie in den 80er Jahren der erste PC in der Werkstatt auftauchte. «Ein sperriges Ungetüm, mit einem kniffligen Textprogramm.» Zum Teamleiter aufgestiegen, der auch viel Papierarbeit zu erledigen hatte, war Baumann aber schnell einmal fasziniert von den Vorteilen der neuen Technik. Die Reparaturprotokolle konnten nun elektronisch hinterlegt werden. Dicke papierene Wartungsmappen, die zum Beispiel nach Bellinzona geschickt werden mussten, weil dort die «schwierigen Reparaturfälle» landeten, waren vom einen auf den anderen Tag Vergangenheit.
Wenig später stand jeder Mitarbeiter zwischen den handwerklichen Arbeiten regelmässig auch am PC, um Aufträge und Wartungen zu verbuchen und alles Wichtige im System zu dokumentieren. Baumann erlebte die rasante Entwicklung der elektronischen Datenerfassung und -verarbeitung hautnah mit. In den letzten Jahren kam der Digitalisierungsschub mit den mobilen Geräten hinzu. Parallel dazu wurden jeweils die Loko­motiven und Wagen mit ausgeklügelter Elektronik aufgerüstet. «Fahr-technik, Kommunikationstechnik, Überwachungstechnik, Funk­­technik, Sicherheitstechnik – alles ist inzwischen in intelligente Systeme verpackt», so Baumann. Sensoren behielten immer mehr Komponenten ständig im Auge, um Störungen automatisch zu melden, ergänzt er. «Wenn ich die Technik von damals mit heute vergleiche, so liegen dazwischen Welten», zieht er Bilanz.
Die Erzählungen des älteren Kollegen versetzen De Vita zurück an den Familientisch, an dem sein Vater immer wieder mal über die Arbeit erzählte. Für ihn hingegen sind die neusten Apps und die Wunder der Digitalisierung einfach nur selbstverständlich. Tablet und Handy schätzt er als treue Begleiter, die ihm als Werkzeuge so unentbehrlich wie Schlüssel und Schraubenzieher sind. Wenn er am späteren Nachmittag von einem Einsatz in Lausanne, Spiez oder St. Gallen in die Serviceanlage in Muttenz zurückkehrt, um den Auftrag des nächsten Tages vorzubereiten, braucht er nicht lange Berichte zu schreiben. Denn die Rapporte hat er am Einsatzort schon ins System getippt. Nach seinem Geschmack dürfte es mit der Digitalisierung ruhig auch schneller gehen. Warum zum Beispiel sind noch nicht sämtliche Wagen mit GPS bestückt? Suchaktionen, wie es sie zuweilen bei älteren Wagen gibt, die irgendwo auf der Strecke geblieben sind, blieben ihm und seinem Kollegen so jedenfalls erspart.
Trotz des Altersunterschieds und des rasanten technischen Wandels verbindet Baumann und De Vita weiterhin viel mehr, als man vermuten könnte. Denn das eigentliche Handwerk und die Mechanik haben sich nicht sonderlich verändert. «Schrauben, schlossern oder schweissen müssen wir wie eh und je», bekräftigen die beiden Männer einstimmig. Könnte man das Rad der Zeit zurückdrehen, so würde sich De Vita in der Werkstatt des Jahres 1979 in Erstfeld wohl problemlos zurechtfinden. Umgekehrt könnte Baumann seinen jüngeren Kollegen morgen schon bei einem Reparatureinsatz begleiten und ihn fachkundig unterstützen. Zumal ihm der Umgang mit der Elektronik keine Mühe bereitet, weil er stets Ratschläge beherzigt hat, die er auch De Vita weiterempfiehlt. «Bleib offen für Veränderungen!», sagt er. Oder auch: «Lerne bei jeder Gelegenheit dazu, zeige Initiative, tausche dich aus und gib deine eigenen Kenntnisse weiter.»

Traditionelles Handwerk und Robotertechnik

Nach diesen ernsthaften Ausführungen nimmt das Gespräch eine muntere Wendung zu einem Pingpong zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Mechanikeralltag. «Wir mussten unseren Overall jeweils selber waschen», erinnert sich Baumann. «Das ist heute kein Thema mehr, Ende Woche gebe ich manchmal bis zu sechs Garnituren in die Wäscherei», antwortet De Vita. «Bis ein Werkzeug für dreissig oder vierzig Franken ersetzt wurde, gab es früher lange Diskussionen» so Baumann. «Um gute Werkzeuge müssen wir nicht kämpfen; wenn etwas nützlich und dienlich ist, wird es angeschafft», erwidert De Vita.
Für ihn, den Jüngeren, ist die Pensionierung noch Tausende von Streckenkilometern entfernt. Trotzdem macht er sich Gedanken über die Zukunft und sagt: «Unseren Beruf braucht es eines Tages vielleicht nicht mehr, weil Roboter uns die Arbeit abnehmen.» Baumann räumt zwar ein, dass sich die Automation kaum aufhalten lassen wird. Trotzdem werde es den Menschen bei dieser Arbeit auch in Zukunft brauchen: «Es gibt Ver­schleissteile am Rollmaterial, bei denen ich mir schwer vorstellen kann, dass sie ein Roboter, wenn überhaupt, besser und schneller als ein Mechaniker ersetzen kann.» 

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