«Wir setzen uns dafür ein, dass sich Rastatt nicht wiederholt».

Gespräch zwischen René Gentinetta, Werkleiter Novelis in Sierre, und Daniel Bürgy, stellvertretender Leiter von SBB Cargo, über den Unterbruch auf der Rheintalstrecke, die Risiken der Digitalisierung und die Faszination von Aluminium.

Herr Gentinetta, beim Wallis denkt man an Skifahren, Raclette und Wein. Was hat Ihr Kanton ausser Tourismus und Agrarwirtschaft zu bieten?

RENÉ GENTINETTA: Hier hat es neben ­unzähligen touristischen Attraktionen auch eine interessante Industrie, zu der weltweit operierende Unternehmen wie Novelis, Lonza oder Bosch zählen. Diese Unternehmen behaupten sich seit Jahren erfolgreich im Wettbewerb.

Herr Bürgy, welche Bedeutung hat das Wallis für SBB Cargo?

DANIEL BÜRGY: Überdurchschnittlich viele Güter fahren per Schiene in diese schöne Region. Zusätzlich zur genannten Industrie transportieren wir auch viel Stückgut oder Nahrungsmittel ins Wallis und retour in die «Üsser-Schwiiz». Die Unternehmen erleben wir als äusserst innovativ und gleichzeitig lokal verwurzelt.

Der Name Alusuisse klingt im Wallis noch immer nach. Trauern Sie der guten alten Zeit nach?

GENTINETTA: Vor allem unsere langjährigen Mitarbeitenden haben in der Alusuisse-­Kultur jahrzehntelang wertvolle Dienste geleistet. Der positive Umschwung Ende der 90er Jahre war für viele ein Schlüsselerlebnis. Doch der Schritt in die globalisierte Welt fällt umso leichter, als wir alle den rasanten Wandel täglich miterleben. Wir arbeiten mit Kunden, die zum Beispiel autonom fahrende E-­Mobile entwickeln. Das erfordert auch an unseren Produk­tionsstandorten höchst innovative Abläufe.

Die Aluminiumbranche ist, neben dem Chemiekonzern Lonza, der grösste industrielle Arbeitgeber im Kanton. Wie beeinflusst die Deindustrialisierung die Branche? Ist der Strukturwandel zu schaffen?

GENTINETTA: Absolut! Innovation und gut ausgebildete Mitarbeitende sind die Schlüsselfaktoren. Beides haben wir in Sierre. Wir haben im internationalen Vergleich mehrmals gezeigt, dass der Industrie­standort Schweiz durchaus wettbewerbsfähig ist. Die Eurokrise 2015 hat uns nochmals stärker gemacht, und mit den gewonnenen Erfahrungen schaue ich der Zukunft positiv entgegen.

SBB Cargo ist für Novelis ein wichtiger Logistikpartner: 90 Prozent der Transporte vom und zum Werk erfolgen über die Schiene. Zwei topmoderne Siemens-Loks sind nach den Novelis-Werken «Sierre» und «Göttingen» benannt und mit den Logos von Novelis und SBB Cargo beschriftet. Wie kam es dazu?

BÜRGY: Wir wollten die gute Zusammenarbeit mit Novelis auch öffentlich zum Ausdruck bringen. Wie könnten wir das besser tun als mit Lokomotiven, die täglich für Novelis im Einsatz stehen? Wir haben bereits viele positive Rückmeldungen erhalten. Wir sind stolz, heimische Qualitätsprodukte von Novelis mit Schweizer Zuverlässigkeit durch ganz Europa transportieren zu dürfen.

GENTINETTA: Der Materialumlauf innerhalb von Europa mit den unterschied­lichen Bahnsystemen erfordert zuverlässige und flexible Lösungen. Diese haben wir mit den beiden Loks erhalten. Dass unsere Loks mit Novelis-Schriftzug unterwegs sind, erfüllt auch uns mit Stolz.

In den letzten Jahren konnten über 650 000 Tonnen Aluminium auf die Schiene verlagert werden. Insgesamt transportiert Novelis in Europa jähr­lich 1,8 Millionen Tonnen Rohstoffe und Endprodukte per Bahn. Weshalb?

GENTINETTA: Diese Gründe liegen im ökologischen wie auch ökonomischen Bereich. Der Transport mit der Bahn ist sehr effi­zient. Zudem erhöhen wir die Sicherheit, da wir deutlich weniger Verkehrsaufkommen generieren, sowohl auf der Strasse als auch innerhalb der Werke. Für ein äquivalentes Transportvolumen wären auf der Strasse über 19 000 LKWs unterwegs – das entspricht aneinandergereiht einem Stau mit einer Länge von 348 Kilometern. Die Verlagerung auf die Schiene führt zu einer Reduktion der CO₂-Emissionen um rund 60 Prozent.

BÜRGY: Auf der Schiene kann im Vergleich zur Strasse ein Vielfaches an Volumen transportiert werden. Das ist mitunter ein Grund, warum die Güterbahn für den Aluminiumverkehr so interessant ist, wo enorme Transportmengen bewältigt werden müssen. Dazu kommt, dass der Schienengütertransport fahrplanmässig abläuft, während der Strassenverkehr immer unberechenbarer wird und sich Abhol- und Zustellzeiten permanent verschieben. Das macht es für Unternehmen schwierig, ihre Kapazitäten zu planen. Wir aber fahren wirklich just-in-time.

Novelis ist ein Paradebeispiel für eine globalisierte Warenkette: Das Roh-aluminium aus Indien, Russland und Brasilien wird in Europa an verschiedenen Standorten verarbeitet und an Kunden in Grossbritannien, Schweden oder Deutschland geliefert. Lohnt sich der immense logistische Aufwand?

GENTINETTA: Es ist eine grosse Herausforderung, das ist uns allen bewusst. Daher legen wir den Fokus auf Effizienz. Wir unterhalten eine zentral koordinierte Logistik-Organisation, die laufend überprüft und optimiert wird. Nur so gelingt es, die hohe Kadenz täglich aufrechtzuerhalten.

Was unternimmt SBB Cargo, um mit der Entwicklung Schritt zu halten?

BÜRGY: Mit der Gründung unserer ­Tochter SBB Cargo International haben wir früh auf den Trend reagiert. Neuerdings übernehmen wir für ausgewählte Schlüsselkunden auch den Lead bei interna­tionalen Gesamtlogistiklösungen. Immer mehr Güter kommen von weit her und werden in den Häfen Hamburg, Antwerpen oder Rotterdam umgeschlagen. Damit die wachsenden Kapazitäten zuverlässig in der Schweiz empfangen und geliefert werden können, realisieren wir mit dem trimodalen Gateway Basel Nord ein ­leistungsfähiges Terminal für Strasse, Schiene und Wasser.

Wie störungsanfällig der Warenfluss ist, hat kürzlich das Bauunglück bei Rastatt auf der Rheintalstrecke gezeigt. Welche Auswirkungen hatte der Unterbruch und wie konnten Sie darauf reagieren?

BÜRGY: Die Streckensperrung in Rastatt war für uns einschneidend. Eine unserer wichtigsten Verkehrsachsen war plötzlich unterbrochen. Wir trafen uns täglich zum Lagerapport und haben sehr eng mit unseren Kunden zusammengearbeitet. Ohne den unermüdlichen Einsatz unserer Mitarbeitenden wäre das nicht möglich gewesen. Das Ereignis hat uns definitiv enger zusammengebracht und wir haben erlebt, dass wir gemeinsam auch sehr komplexe Situationen anpacken können. Rastatt hat uns aber auch gezeigt, wie unflexibel die Bahn im Vergleich zur Strasse ist. Es ist eine Tatsache: Wir sind auf funktionierende Schienen, kompetentes Personal und genügend Rollmaterial für die richtigen Strecken angewiesen. Fehlt es an einer Komponente, ist es sehr schwer, das auszugleichen.

GENTINETTA: Die Leistung bei diesem Vorfall hat einmal mehr gezeigt, wie eng die Partnerschaft zwischen Novelis und SBB Cargo ist. Kurz nachdem die Störung auf der Hauptverkehrsachse aufgetreten war, hat sich ein Team von SBB Cargo mit unseren Logistikspezialisten zusammengesetzt und Aktionen eingeleitet, die sich positiv auf den europäischen Materialfluss für Novelis ausgewirkt haben. Es gab täg­liche Abstimmungen zwischen Novelis und SBB Cargo.

BÜRGY: Was der Unterbruch vor allem klargemacht hat, ist die zurzeit ungenügende Zusammenarbeit der europäischen Bahnen. Hier ging die SBB daher rasch in den Lead und hat darauf hingewirkt, einen Schulterschluss zwischen den grossen europäischen Bahnen zu erreichen. Im nächsten Schritt werden wir die Lehren aus dieser Lektion ziehen und uns dafür einsetzen, dass sich Rastatt nicht wiederholt. Ausserdem haben wir im Frühling 2017 eine CEO-Taskforce aufgegleist: Vertreter verschiedener europäischer Bahnen treffen sich regelmässig, um sich auszutauschen. In diesem Gremium wollen wir die Interoperabilität und die Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Schienengüterverkehr verbessern.

Anfang des Jahres war das Terminal der Maersk-Tochter APM im Hafen Rotterdam von einem Computer­virus betroffen. Während Tagen funktionierte im grössten Hafen Europas praktisch nichts mehr. Wie abhängig ist die Logistik von der Digitalisierung?

BÜRGY: Die Schienenlogistik hätte ohne Digitalisierung am Markt keinen Bestand. Damit steigt sicherlich das Risiko, weshalb wir einen verstärkten Blick auf das Thema haben. Wir arbeiten an verschiedenen Digitalisierungsprojekten und haben schon vieles umgesetzt: zum Beispiel Sensoren, welche die Kühlung von Wagen oder deren Erschütterung überwachen und uns dies direkt melden. Zudem nutzen wir mobile Applikationen, die es ermöglichen, Wagen beim Rangieren mit einem Tablet zu ­managen.

GENTINETTA: Effizienz ohne Digitalisierung ist heute undenkbar – Logistik und Digitalisierung gehen Hand in Hand. ­Daher ist es heute wichtiger denn je, dass die Systeme immer auf dem neusten Stand sind. Nur so kann man das stetig wachsende Volumen kosten­günstig und zuverlässig innerhalb Europas verschieben.

Novelis betreibt das weltgrösste Aluminium-Recyclingcenter. Welche Rolle spielt die Wiederver­wertung von Rohstoffen?

GENTINETTA: Die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen steigt bei unseren Kunden im gesamten Produktionsablauf. Das Recyclingcenter im ostdeutschen Nachterstedt ist mit einer Kapazität von über 400 000 Jahrestonnen ein wichtiges Werk innerhalb Novelis Europa. Zusammen mit unseren Automobilkunden haben wir geschlossene Materialkreisläufe entwickelt, die mit langjährigen Verträgen einen Rücklauf in unsere Recyclingwerke garantieren. Unser Anteil an rezykliertem Material liegt derzeit bei 55 Prozent.

Welche Auswirkungen hat Recycling im Güterverkehr?

BÜRGY: Wo konsumiert wird, entsteht Abfall. Daher werden wir uns zukünftig noch stärker auf dieses Segment fokussieren. Bereits heute fahren wir Kehricht, Glas, Alt­papier, PET und Stahlabfälle. Das Recycling­-geschäft erhöht die Warenströme und macht deren Organisation komplexer. Daher versuchen wir, die City-Entsorgungslogistik zu verbessern. So sind wir daran, am Rande grosser Städte Entsorgungshubs mit Schienenanschlüssen einzurichten. Damit wird sich die Zahl der Lastwagentransporte weiter stark reduzieren.

Die Gewinnung von Aluminium ist sehr energieintensiv. Wo liegt die Faszination?

GENTINETTA: Der Trend zum Leichtbau macht Aluminium zum Werkstoff der Zukunft. Sein Einsatzspektrum ist riesig: von Getränkedosen über Fassaden, Spezial­anwendungen wie Fuss­bodenheizungen bis zu Automobilpro­dukten. Die Feinheiten der Endprodukte entstehen im Zusammenspiel mit technisch anspruchsvollen Produktionsanlagen. Das ist Technik pur!

BÜRGY: Ich konnte bereits mehrfach die Novelis-Werke und die gesamte Produk­tion live erleben. Hier habe ich das Engagement und grosse Know-how der Novelis-Crew hautnah gespürt! Die steigenden Volumen, die wir für Novelis transportieren dürfen, sind ein deutliches Zeichen dafür, dass der Werkstoff Zukunft hat. 

René Gentinetta

René Gentinetta, 50, ist seit 2010 Werkleiter bei Novelis in Sierre. Er ist seit 1998 für den Konzern tätig und absolvierte zwei Auslandeinsätze in Kanada. Gentinetta ist verheiratet, zweifacher Vater und wohnt in Niedergesteln VS.

Novelis

Novelis: Rund 550 Mitarbeiter produzieren im Novelis-Werk in Sierre vorwiegend Walzbleche für die Automobilbranche. Novelis entstand aus der früheren Alusuisse, nachdem diese 2000 mit dem kanadischen Konkurrenten Alcan fusionierthatte. 2006 wurde Novelis vom indischen Konzern Aditya Birla übernommen.

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