Nächster Halt: intelligenter Güterwagen.

SBB Cargo erprobt in einer Automatisierungsoffensive den Schienengüterverkehr der Zukunft. Eine zentrale Rolle spielt der «intelligente Güterwagen», der eines Tages vielleicht sogar selbstständig unterwegs ist.

Ein Kühlwagen rollt mit einer Ladung Lebensmittel von Antwerpen in die Schweiz. Unterwegs versagt plötzlich das Kühlsystem. Der Ausfall wird erst bei der Ankunft am Bestimmungsort entdeckt. Verdorbene Ware also! Dieses Schadenszenario ist zum Glück selten. Bald einmal dürfte es sogar definitiv passé sein – dank intelligenter Güterwagen. «Derzeit rüsten wir bei SBB Cargo 150 Kühlwagen entsprechend auf», sagt Anja-Maria Sonntag, Projektleiterin Automation bei SBB Cargo. Jeder einzelne Wagen wird mit Sensoren und einem GPS bestückt. Die Instrumente ermitteln Temperatur, Feuchtigkeit, Erschütterung und Position des Wagens. Über Mobilfunk senden sie die Daten an einen zentralen Server. Von dort können die Messreihen analysiert, ausgewertet und mittels Algorithmen in nützliche Informationen verwandelt werden. Diese stehen dann für verschiedene Arbeitsprozesse entlang der Logistikkette via Internetportal oder Apps zur Verfügung. Mit vielfältigem Nutzen: «Zum Beispiel lässt sich der Güterwagen so ständig überwachen, egal, wo er sich gerade befindet», so Anja-Maria Sonntag, «und er schlägt bei einem unvorhergesehenen Ereignis sofort Alarm.» Mit der implementierten Sensorik wird der Güterwagen also zum digitalen und intelligenten Transportvehikel, zum virtuellen Kommunikator und Botschafter.

Komplette Nachverfolgbarkeit der Waren.

Im Moment ist das Zukunftsmusik. SBB Cargo spielt das Szenario derzeit im Rahmen des Projekts «Intelligenter Güterwagen» durch, zusammen mit verschiedenen Systemanbietern, unter anderem Bosch Engineering und PJM. «In der aktuellen Pilotphase geht es darum, die Vor- und Nachteile der einzelnen Systeme zu vergleichen und die Möglichkeiten auszuloten, die sich aus der neuen Technik für den Schienengüterverkehr ergeben», sagt Christian Schmidt, Asset Intelligence SBB Cargo. Neben dem oben skizzierten Beispiel mit der Kontrolle der Kühlkette sind vom intelligenten Güterwagen allerhand weitere Leistungen zu erwarten. «Ein wichtiges Ziel ist es, dasswir das Bedürfnis unserer Kunden nach umfassender Information abdecken können», sagt Anja-Maria Sonntag. Ein wesentlicher Wunsch der Kunden sei es etwa, jederzeit zu wissen, wo sich ihre Warensendung gerade befindet und ob sie pünktlich ankommt.
Diese Nachverfolgbarkeit bietet SBB Cargo zwar bereits heute an. «Allerdings werden die für dieses Track & Trace notwendigen Informationen bislang vergleichsweise umständlich über Dritte erzeugt und nicht vom Güterwagen selbst geliefert», sagt Schmidt.
Es ist kein Geheimnis, dass der Schienengüterverkehrs betreffend Automation und Digitalisierung gegenüber den bereits gut vernetzten LKWs stark unter Zugzwang geraten ist. «Ohne intelligente Güter­wagen können wir künftig am Markt nicht bestehen», sagt Schmidt. Klar ist auch, dass sich damit für den Schienengüterverkehr viele neue Möglichkeiten eröffnen. Mittels Automation werden die langen und schweren Züge beweglicher und klüger – und somit zukunftsfähig und fit für den Wettbewerb. Patrick Sorg, Asset Intelligence SBB Cargo, nennt weitere Vorteile: «Die Stosssensoren registrieren ruppige Rangiermanöver und melden uns heftige Erschütterungen, die Wagen oder Ladung beschädigen könnten.» Ausserdem liessen sich mit Hilfe von Wiegesensoren, die am Drehgestell gemessen werden, Überladungen verhindern. «Die Wagen können so optimaler ausgelastet werden», so Sorg, «die Bedingung ist allerdings, dass die Informationen in die gesamte computergesteuerte Logistikkette einfliessen.»
Die im Güterwagen erfassten Daten zu Temperatur, Laufleistung oder Beladungszustand erlauben es also, Schienentransporte über die kommunizierenden Systeme nahtlos zu verfolgen und zu überwachen. Überdies lassen sich viele Zusatzinformationen ableiten, die zum Beispiel für eine kilometer- und zustandsabhängige Planung der Wartung, für allfällige Schadenabrechnungen oder für zusätzliche technische Kontrollen nützlich sind. Was der intelligente Güterwagen eines Tages vielleicht sonst noch alles zu leisten vermag, ist offen. In der aktuellen Projekt- und Studienphase wird ausgiebig experimentiert und getestet. Das Ziel jedoch ist klar definiert: Der Schienengüterverkehr soll effizienter werden.

Digitalisierung und Automation.

Der «intelligente Güterwagen» ist nur eines von fünf Teilprojekten einer bereichsübergreifenden Automatisierungsoffensive von SBB Cargo. Ein weiteres Projekt betrifft die «wegseitige Intelligenz». Hierbei werden Rangierbahnhöfe mit Kameras ausgestattet, die unter anderem die Zugnummer erkennen und eine visuelle Kontrolle der Fahrzeuge ermöglichen. Auch die umfassenden Daten, die bereits heute von den Zugskontrolleinrichtungen entlang der Strecken erfasst werden, können zukünftig noch intelligenter genutzt werden. So sollen Schäden und Pannen unterwegs künftig noch besser und schneller detektiert werden. «Wir wollen den Zwischenfällen, die unsere technischen Kontrolleure heute noch mittels aufwendiger Inspektion vor Ort aufdecken, künftig automatisch auf die Schliche kommen», sagt Patrick Sorg. Sensorik und Kameras sollen in Zukunft auchsicherheitsrelevante Daten erfassen und so die Arbeit der technischen Kontrolleure unterstützen und den Schienengüterverkehr ständig überwachen.
Ein drittes Projekt im Team Automation läuft unter dem Stichwort «Mobile Devices». Es knüpft beim Umstand an, dass sämtliche Mitarbeitenden von SBB Cargo und auch der gesamten SBB bereits heute mit mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets ausgerüstet sind. Damit konnten Arbeitsschritte digita­lisiert werden, die zuvor auf Papier stattfanden. Eine Vision lautet, die Transportkette so zu vernetzen, dass in Zukunft alle mit allen kommunizieren können: der Disponent mit dem Lokführer, der Lokführer mit dem Rangierarbeiter, der Rangierarbeiter mit dem Güterwagen, der Güterwagen mit dem Dis­ponenten. Die Voraussetzung ist, die ungezähmteDatenflut in attraktive Informationen zu verwandeln, sinnvolle Ereignisse abzuleiten und praktische Anwendungen zu entwickeln.
Ein weiteres Projekt betrifft die Modernisierung des Rangierbetriebs, zum Beispiel mittels automatischer Bremsprobe und Kupplung. Ein erster Pilotbetrieb der automatischen Bremsprobe konnte bereits erfolgreich absolviert werden.
Anja-Maria Sonntag räumt ein, dass im Moment im Rahmen des Projekts Automation viele Ideeneinfach einmal ausprobiert würden. «Was wir dann definitiv umsetzen, wird sich im Praxistest herauskristallisieren.» Sicher ist, dass die systematische Datenauswertung Prozessoptimierungen und Effizienzsteigerungen ermöglicht. Dies wiederum verspricht Wettbewerbsvorteile und neue Erkenntnisse über die Funktionsweise von Logistikketten. «Unsere Transporte werden garantiert schneller, pünktlicher und zuverlässiger», sagt Anja-Maria Sonntag.

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