«Die Eisenbahn braucht dringend Impulse für den Schritt ins digitale Zeitalter.» «Wir sind unterwegs zum elektrifizierten, automatisierten und vernetzten Fahren.».

Intelligente Güterwagen und selbstfahrende Rangierloks: Welche Chancen bieten neue Technologien für den Schienengüterverkehr? Gespräch zwischen Bosch-Engineering-Chef Bernhard Bihr und Nicolas Perrin, CEO von SBB Cargo, über die Mobilität der Zukunft.

Herr Perrin, sind Sie ein Internet-Junkie?

NICOLAS PERRIN: Junkie nicht, aber Heavy User. Ich arbeite seit einiger Zeit ohne Büro und Papier, dafür mit dem iPad. Geschäftlich wie privat geht ohne Internet gar nichts mehr. Aber wie jedes Werkzeug muss man es auch mal weglegen können. Ein Förster läuft ja in seiner Freizeit auch nicht dauernd mit der Kettensäge herum.

Herr Bihr, wie stark hat die Digitalisierung der letzten Jahre Ihr Leben beruflich und auch privat beeinflusst?

BERNHARD BIHR: Die Digitalisierung hat in den letzten Jahren zu einer extremen Beschleunigung aller Vorgänge geführt. Wo früher ein Brief verschickt wurde und eine Antwort mehrere Tage oder Wochen dauerte, geht heute alles innerhalb von Minuten. Ständig erreichbar zu sein, sehe ich dabei nicht als Belastung. Wenn ich nicht erreichbar sein möchte, liegt das Handy in der Schublade. Gerade privat schätze ich es, für meine drei Kinder, die nicht mehr zu Hause wohnen, jederzeit erreichbar zu sein. Wir kommunizieren direkter und spontaner. Das gefällt mir.

In Ihren internationalen Projektbüros wird an der Zukunft der Mobilität getüftelt. Welches sind die wesentlichen Trends, die uns bevorstehen?

BIHR: Bosch ist auf drei Entwicklungspfaden unterwegs zum elektrifizierten, automatisierten und vernetzten Fahren. Elek­trifiziert bedeutet dabei nicht nur elektrische Antriebe, sondern im Zusammenspiel mit der Elektromobilität wird der Verbrennungsmotor noch effizienter. Auf dem Weg zum automatisierten Fahren liegt die Fahrerassistenz. Damit schaffen wir den Übergang vom teil- zum hochautomatisierten Fahren. Das steigert den Komfort und vor allem die Sicherheit. Vernetztes Fahren bedeutet, dass jede Komponente im Fahrzeug eine eigene Internetadresse bekommt, denn für die Entwicklung der Mobilität von morgen ist das Internet eine wesentliche Voraussetzung und führt zu einem wachsenden Servicegeschäft. Dazu gehören Dienstleistungen für das Flottenmanagement und die Vernetzung von verschiedenen Verkehrsträgern – vom Pkw bis hin zu Bahnanwendungen.

Was war die Motivation für die Kooperation von SBB Cargo mit Bosch Engineering?

PERRIN: Die Eisenbahn braucht dringend Impulse für den Schritt ins digitale Zeitalter. Im Gegensatz zur Strasse kommt die Initiative leider nicht von der Zulieferindustrie. Wir haben deshalb die Sache selbst an die Hand genommen und Partner ausserhalb der Bahnwelt gesucht. Dabei hatten wir das Glück, auf einen anderen Suchenden zu treffen. Bosch hat Technologien, ist aber im Bahngeschäft nicht verankert. So entstehen konstruktive Partnerschaften!

Was bringt die Digitalisierung den Kunden? Sind sie bereit, für innovative Zusatzleistungen einen höheren Transportpreis zu bezahlen?

PERRIN: Die Digitalisierung ist ein indus­trieller Entwicklungsschritt. Wir wollen unseren Kunden möglichst früh die Vorteile bringen. Zum Beispiel, dass sie mit dem Güterwagen direkt über die Beladung oder den Standort kommunizieren können. Das schafft Mehrwert. Unsere Kunden haben sich offen gezeigt, dies im Preis zu berücksichtigen.

Vor wenigen Wochen sorgte der erste selbstlenkende LKW für Schlagzeilen. Müssen wir uns so die Zukunft im Verkehr vorstellen?

BIHR: Ich glaube schon. Speziell im Bereich Nutzfahrzeuge, in dem Lenkzeiten und die Sicherheit eine grosse Rolle spielen, erhöht bereits eine Teilautomatisierung sowohl den Komfort als auch die Sicherheit.

Wo sehen Sie die grössten Probleme im Verkehr – insbesondere beim Güterverkehr?

PERRIN: Weil die Ansprüche an die Lebensqualität steigen, wird man das Hauptverkehrsnetz in den Ballungsräumen in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr wesentlich ausbauen können. Dies obwohl die Nachfrage weiter wächst. Das heisst, wir müssen die bestehenden Verkehrsträger besser nutzen. Der Wettbewerbsvorteil liegt bei dem System, das die Kapazität rascher erhöhen kann. Die Bahn hat hier physische Vorteile, da sie spurgeführt ist. Was aber noch fehlt, ist die Innova­tionskraft der Branche.

BIHR: Das Hauptproblem sehe ich in der Verkehrsdichte und bei der Menge an Lkws. Man hat heute auf der Autobahn oft den Eindruck, die rechte Spur sei ein Güterzug – nur eben nicht auf Schienen. Bei weiter steigendem Verkehrsaufkommen wäre es eine Lösung, wenn insbesondere längere Distanzen auf der Schiene zurückgelegt würden, um die Strassen zu entlasten. Eine Automatisierung kann hier die Effizienz deutlich steigern.

Handarbeit und Wagenschmiere sind aber bei der Bahn noch immer Alltag. Muss man sich vom nostalgischen Bild der Eisenbähnler verabschieden?

PERRIN: Vom Eisenbahner werden wir uns nicht verabschieden, unbedingt aber vom nostalgischen Eindruck. Der intelligente Güterwagen und die autonom fahrende Rangierlok werden unsere Prozesse stark verändern. Das ist eine spannende Entwicklung, bei der wir vorne mit dabei sein wollen.
Bosch Engineering ist mit Entwicklungen für die globale Automobilindustrie und auch im Motorsport tätig. Die Eisenbahn gilt hingegen nicht unbedingt als das fortschrittlichste Verkehrsmittel. Was reizt Sie daran?

BIHR: In ihren Anfängen war die Eisenbahn das fortschrittlichste Verkehrsmittel überhaupt, und heute hat sie ein enormes Entwicklungspotenzial. Die Digitalisierung bietet eine grosse Chance, sowohl Effizienz als auch ihre Attraktivität deutlich zu erhöhen.

Wo sehen Sie die grössten Entwicklungspotenziale?

PERRIN: Sicher beim Güterwagen. Hier wurden Entwicklungen verpasst, teilweise auch wegen der Uneinigkeit in der europäischen Zusammenarbeit. Wenn ich mit Herrn Bihr und seinem Team spreche, bestätigt sich, dass wir dank Digitalisierung etliche Entwicklungsschritte überspringen können. Automatisierung, Telematik und Big Data: das sind grosse Chancen, um effizierter zu werden und sowohl die Sicherheit als auch die Qualität zu steigern.

BIHR: Mit Innovationen aus der Automobiltechnik können auch auf der Schiene Unfälle verhindert oder zumindest in ihrer Schwere reduziert werden. Ich denke dabei etwa an Bahnübergänge oder an Gleisbaustellen, wo Menschen arbeiten, oder an Bahnen im dichten innerstädtischen Verkehr. Im Bereich Vernetzung sehe ich das Potenzial, dass mit automobiler Technik ausgestattete Züge den Güterverkehr und die Logistikprozesse effizienter machen – und dabei gleichzeitig die Transportkosten senken.

Der heutige Güterwagen verfügt noch nicht einmal über eine eigene Stromversorgung. Was genau kann der intelligente Güterwagen von morgen besser?

PERRIN: Er kommuniziert, fügt sich automatisch in der Zugverband ein und kontrolliert sich selbst. So misst er zum Beispiel bei der Beladung die Belastung jedes einzelnen Rades, übermittelt dem Kunden die klimatischen Bedingungen oder überwacht sicherheitsrelevante Bauteile wie das Achslager. Auf dem Areal unserer Kunden kann er sich auch mal selbst bewegen oder entladen.

Statt Visionen prägen vor allem Energieverbrauch, Lärm- und Schadstoff­emissionen die Diskussion in den Medien und in der Politik. Haben die Menschen den Glauben an den technologischen Fortschritt verloren?

BIHR: Keinesfalls. Ich denke dabei an die Innenstädte, wo man immer mehr Menschen mit einem Smartphone in der Hand sieht. Die Menschen nutzen Technologien, die einfach zu bedienen sind und die in ihrem Leben einen Mehrwert bedeuten. Es liegt an den Unternehmen, Produkte zu entwickeln, die zum technologischen Fortschritt beitragen und die Menschen begeistern.

Finden Sie genügend Talente, die sich für die Mobilität der Zukunft einsetzen wollen?

BIHR: Bosch Engineering findet genügend Talente. Das liegt daran, dass wir kontinuierlich dazu beitragen, junge Menschen von der Technik zu begeistern und Studienabgänger zu motivieren, bei uns anzufangen.

PERRIN: Wir brauchen einen guten Mix von Mobilitätsprofis und Innovationstreibern. Das Thema ist so spannend, dass auch wir gute Leute finden. Ich bin mir aber bewusst, dass wir in einem harten Wettbewerb um die besten Talente kämpfen.

Welche Auswirkungen hat es für die Firmenkultur, wenn IT-Systeme eine immer grössere Rolle spielen?

PERRIN: Das wichtigste ist die Klarheit im Führungsteam und die Erkenntnis, dass die heutigen Prozesse für die Zukunft nicht genügen. Wir wollen diese Riesenchance nicht verpassen, sondern mitprägen. Der Wille zum Wandel ist die halbe Miete. In der Umsetzung wollen wir eine offene Innovationskultur fördern. Parallel dazu braucht es erfolgreiche Usecases.Da habe ich konkrete Erwartungen, zum Beispiel im Bereich Wagen oder bei der Zugbildung.

Welchen Ratschlag geben Sie der Eisenbahnbranche mit auf den Weg, damit sie im Güterverkehr konkurrenzfähig bleiben kann?

BIHR: Eine schwierige Frage, denn für Bosch Engineering ist die Bahnbranche noch Neuland, und ich sehe mich selbst nicht als Eisenbahnexperten. Daher ein Denkanstoss: So wie die Einführung des Containers in den 1950er Jahren eine Revolution im Gütertransport bedeutete, weil Waren fortan in einem genormten System verkehrsträgerübergreifend transportiert werden konnten, so sollten auch heute Schiff, Schiene und Strasse integriert betrachtet werden. Jeder Verkehrsträger hat individuelle Vorteile, und bei einer gesamtheitlichen Betrachtungsweise kann das System im Ganzen optimiert werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welchen Zukunftstraum würden Sie verwirklichen?

PERRIN: Mit einer genialen Geschäftsidee die Digitalisierung für die Eisenbahn als starker Logistikpartner zu nutzen! Aber für solche Ideen braucht es bekanntlich den richtigen Moment – und die richtigen Menschen.

Bernhard Bihr.

Bernhard Bihr, 57, ist seit 2004 Geschäftsführer der Bosch Engineering GmbH, einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft der Robert Bosch GmbH.
Das Unternehmen bietet als Systementwicklungspartner seit 1999 Entwicklungsdienstleistungen für den Antriebsstrang, Sicherheits-, Komfort- und E/E-Systeme auf Basis erprobter Bosch-Grossserientechnik. Zuvor war Bihr in verschiedenen Führungspositionen in der Entwicklung, Applikation und im Vertrieb in der Bosch-Gruppe. Bihr studierte Ingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Maschinenbau an der Technischen Universität München.

Bosch Engineering.

Bosch Engineering mit Sitz in Abstatt bei Stuttgart ist Teil der global tätigen Bosch-Gruppe, die mit ihren rund 440 Tochter- und Regionalgesellschaften rund 360 000 Mitarbeitende in 60 Ländern beschäftigt.

Über 2000 Mitarbeitende an 14 Standorten in 9 Ländern, darunter Japan, Nordamerika, Frankreich, Österreich, China, Brasilien, Grossbritannien und Italien, machen Bosch Engineering zum führenden Entwicklungsdienstleister der Mobilitätsindustrie.

Mehr als 800 Kundenprojekte setzt Bosch Engineering als Experte für intelligente Fort­bewegung pro Jahr um – sei es für Bagger, Schiffe, Flugzeuge oder Schienenfahrzeuge.

1400 Entwickler der zentralen Forschungsabteilung sowie unzählige weitere Kollegen innerhalb des Gesamtkonzerns arbeiten eng vernetzt mit Bosch Engineering zusammen.

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