Mr. Cello reist mit.

Meine Logistik: Anita Jehli, Musikerin und Dirigentin.

Wenn Anita Jehli an ein Konzert fliegt, muss sie zwei Flugtickets kaufen: eines für sich und eines für ihr Cello. «Mr. Cello» sitzt dann auf dem Platz neben ihr in der Kabine. Im normalen Gepäckraum mit­reisen kommt schlicht nicht in Frage, weil das sensible Instrument durch die Erschütterungen und die Eiseskälte während des Flugs leiden würde.

Wie eine Skirennfahrerin.

Wie jedes andere Gepäckstück wird das Cello vor dem Flug durch alle Sicherheitschecks geschleust und dann schon mal – wie einmal bei British Airways – von «bulligen Bodyguardtypen eigenhändig in die Maschine getragen und mit speziellen Gurten auf dem Sitz festgezurrt». Anita Jehli ist das recht. Sie störte sich auch nicht daran, dass der Cellokasten in der britischen Maschine kopfüber zwischen die Sitze gesteckt wurde – Hauptsache ihr Instrument kommt sicher ans Ziel.

Das Reisen im Zug bereitet da schon wesentlich weniger Probleme. Meist findet der Cellokasten im Gepäckfach Platz, und wenn es eng wird, stellt Anita Jehli das Instrument einfach neben sich in den Korridor. «Die meisten Mitreisenden sind sehr nett», sagt sie in ihrem unerschütterlichen Ostschweizer Dialekt, «sie machen Platz für den Kasten und interessieren sich für mein Instrument.»

Die 49-jährige Musikerin, die im Glarner Hinterland aufgewachsen ist, tanzt musikalisch auf vielen verschiedenen Hochzeiten: Sie ist Gründungsmitglied des Ensemble Pyramide, Solocellistin des Orchesters Camerata Schweiz, Dirigentin von Orchestrina Chur, Schulleiterin der Musikschule Domat/Ems Felsberg sowie Leiterin des Orchesters der Zürcher Altstadtkirchen.

Wenn Anita Jehli am Morgen aufwacht, überlegt sie sich als Erstes, wohin sie heute fahren muss: «Der schönste Tag ist der, an dem ich einfach zu Hause üben kann.» Während des Studiums an der
Musikhochschule Zürich übte sie sechs bis acht Stunden täglich. Mittlerweile sei sie ziemlich speditiv geworden. Wenn sie nicht so viel Zeit habe, reiche auch mal eine halbe Stunde. Einen Monat vor den Konzerten beginnt sie, intensiver an die Werke heranzugehen. Wie eine Skirennfahrerin vor dem Start das Rennen im Kopf durchgeht, denkt Jehli vor einem Konzert ihre Noten «eins zu eins» durch und bereitet sich so mental auf den Auftritt vor.

Am liebsten Bananen.

Trotz der vielen Engagements weiss die Musikerin mit dem schwarzen Haarschopf, was ihr am wichtigsten ist: «Mich auf dem Instrument auszudrücken ist etwas Wunderschönes», schwärmt Jehli. Die Geige sei ihr nicht so nah gewesen wie das Cello, das mit seiner angenehm tiefen Stimmlage der menschlichen Stimme von allen Instrumenten am nächsten komme. Bereits als sie mit acht Jahren mit dem Cellospielen anfing, empfand sie das Cello als gross. Obwohl sie wie die meisten mit einem nur halb so grossen Kindercello begann. «Es ist toll, wenn das Instrument mitwächst. Je grösser es ist, desto schöner klingt es.»

Während Anita Jehli als Dirigentin mit kleinem Gepäck – Dirigierstock und Noten – reist, trägt sie als Cellistin wesentlich mehr herum: das sieben Kilogramm schwere Instrument im schlagfesten Kar­bonkasten, die Noten, den klappbaren Notenständer, die kleine Klemmlampe für stimmungsvoll abgedunkelte Kirchen und die schwarzen Konzertkleider. Ganz wichtig ist das Picknick, am liebsten Bananen, weil sie auch bei längeren Konzerten nachhaltig sättigen.

Von Restaurantbesuchen vor einem Konzert sind Jehli und ihre Musikerkollegen aus zeitlichen Gründen etwas abgekommen. Zudem seien viele Kellner jeweils irritiert, dass die Musikerin den Cellokasten gleich neben dem Tisch platzieren möchte. Auf den Vorschlag, das Instrument doch an der Garderobe abzustellen, gibt die Cellistin jeweils zur Antwort, dass man sein Portemonnaie ja auch nicht neben die Eingangstüre legen würde. Anita Jehli: «Es ist ja nicht nur der finanzielle Wert. Manche Menschen können sich einfach nicht vorstellen, dass man zu seinem Instrument eine tiefe Beziehung aufbauen kann.»

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