«Wir müssen den Güterbahnen den Rücken stärken».

Wie sieht der Schweizer Schienengüterverkehr in Zukunft aus und wie kann er sein Potenzial ausschöpfen? Ein Gespräch zwischen Josef Dittli, FDP-Ständerat und Präsident des Verbands der verladenden Wirtschaft (VAP), und Nicolas Perrin, CEO von SBB Cargo.

Herr Dittli, in Ihrer Freizeit sind Sie Berggänger, vor zehn Jahren haben  Sie den Kilimandscharo bestiegen. Was ist der Reiz für solche Höchst­leistungen?

JOSEF DITTLI: Ich strebe gerne nach neuen Zielen, sei es in der Politik oder in der Freizeit. Der Aufstieg ist jeweils beschwerlich, die Ankunft auf dem Gipfel umso berauschender. Das gibt mir Energie und Motivation.

Herr Perrin, welche Grenzen haben Sie überwunden?

NICOLAS PERRIN: Sich Ziele zu setzen, die vorerst als nicht erreichbar erscheinen, setzt Energie für Neues frei. In unserer Branche leben wir ja betreffend Profit eher auf einer kargen Alpenwiese und nicht im fruchtbaren Talboden. Mir persönlich macht es Spass, Leistungsgrenzen aus­loten.

Ihr Vorgänger im VAP, FDP-Politiker Franz Steinegger, forderte in seiner Abschiedsrede mehr Trassen für den Güterverkehr. Wo setzen Sie Akzente?

DITTLI: Seit Juli 2016 ist das total revidierte Gütertransportgesetz in Kraft, das die Rahmenbedingungen für den Güterverkehr massgebend verbessert hat. In meiner Amtszeit konnte gemeinsam mit dem Bundesamt für Verkehr (BAV), unseren Partnern im Cargo Forum Schweiz und den Güterbahnen ein für den Güterverkehr erfreulicher Netznutzungsplan 2018 entwickelt werden. Zurzeit setzen wir uns intensiv für die Optimierung der Vorlage zur Organisation der Eisenbahninfrastruktur (OBI) ein, die sich momentan in der parlamentarischen Beratung befindet. Auch wollen wir beim nächsten Aus­bauschritt des Schienennetzes (STEP 2030/35) ein gewichtiges Wort mitreden.

Obschon der Güterverkehr insgesamt wächst, verliert die Schiene laufend Marktanteile an die Strasse. Warum?

PERRIN: Der Markt verändert sich in der Schweiz von der traditionellen, bahn­affinen Industrie mit grossen, schweren Gütern zu Dienstleistungen und deutlich kleineren Losgrössen. Die Entwicklung des Eurokurses hat diesen Trend beschleunigt. In diesem Umfeld müssen wir uns umso mehr auf die Stärken der Bahn konzentrieren. Dafür boomt im Moment der Transitverkehr auf der Nord-Süd-Achse, die Bahnen gewinnen Markt­anteile. Das ist erfreulich, denn unsere Tochter SBB Cargo International mischt dort sehr erfolgreich mit.

DITTLI: Gerade als Urner ist mir die Verkehrsverlagerung im Transit durch die Alpentäler sehr wichtig, diese ist beim Volk tief verankert. Der Güterverkehr im Mittelland, von Ost nach West sowie Import und Export stehen hingegen unter dem ständigen Druck der Begehrlich­keiten des Personenverkehrs, sodass eine weitere Verlagerung beinahe unmöglich ist. Als Verlader müssen wir den Güterbahnen den Rücken stärken und zusammen mit ihnen verkehrspolitische Allianzen schmieden.

PERRIN: Das ist zentral: Wir müssen die Interessen des Schienengüterverkehrs gemeinsam vertreten und uns für attrak­tive Rahmenbedingungen einsetzen. Die Erwartungen der Kunden und auch der Bevölkerung an uns sind hoch.

Der Schweizer Schienenverkehr wird jährlich mit 7,6 Milliarden Franken subventioniert, für den Schienengüterverkehr gibt es gerade mal 250 Millionen Franken. Hat der Personenverkehr Vorfahrt?

DITTLI: Wir setzen nicht auf Subven­tionen im Güterverkehr. Der VAP erachtet funk­tionierende Infrastrukturen und günstige Rahmenbedingungen als Schlüssel für rentablen Bahngüterverkehr. Güterbahnen und Verlader sollen in ihren Geschäftsfeldern zu den Klassenbesten gehören und Geld verdienen.

PERRIN: Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass die Güterbahnen unternehmerisch ausgerichtet sein müssen. Dazu braucht es Rahmenbedingungen, die das ermöglichen. Übrigens stehen die meisten Subventionen des Bahninfrastrukturfonds (BIF) dem Erhalt und Ausbau der Infrastruktur zur Verfügung. Davon pro­fitieren wir im Moment mit dem Bau der Alpentunnels und des 4-Meter-Korridors. Für die nächsten Ausbauschritte ist es wichtig, dass nach dem Transit die Anforderungen des Binnenverkehrs berück­sichtigt sind. Hier liegt der Fokus auf der Ost-West-Achse.

Mit dem jährlichen Fahrplan regelt die SBB die Nutzung der Schienenkapa­zitäten für Personen und Güter. Sind Sie zufrieden mit den Trassen?

PERRIN: Nicht immer. Mit dem Wagen­ladungsverkehr 2017, den wir beim Fahrplanwechsel eingeführt hatten, ermöglichen wir eine gleichmässigere Auslastung auf dem Netz. Davon profitieren Personen- und Güterverkehr. Das extrem stark belastete Schweizer Bahnnetz kann nur mit solchen integrierten Überlegungen weiterentwickelt werden. Für uns ungenügend sind die aktuellen Durchschnitts­geschwindigkeiten von etwa 50 km/h. Wir müssen zu häufig und zu lange dem schnellen Personenverkehr Platz machen. Unser Ziel ist klar: Wir wollen im Pulk mit diesen Zügen fahren und dass uns die Trassen auch in grossen Ballungsräumen zur Verfügung stehen. Das verkürzt die Fahrzeiten und erhöht die Produktivität.

Ein Masterplan «Schienenverkehr Schweiz» von Bund und Branche soll die langfristige Planung der Infrastruktur sowie eine marktgerechte Trassenvergabe regeln. Welche Voraussetzungen sind für die Verlader zwingend?

DITTLI: Die Zusammenarbeit mit den Güterbahnen ist sehr eng und positiv. Gleichwohl gibt es für die nächste Runde in vier Jahren Verbesserungspotenzial, vor allem im Bereich privater Infrastrukturen wie Anschlussgleise und Terminals. Auch die Abstimmung mit den parallel laufenden Planungen von Regional- und Fernverkehr müsste verbessert werden.

PERRIN: Mit dem digitalen Buchungssystem erhalten wir eine höhere Transparenz. Wir können dieses beidseitig für eine bessere Abstimmung nutzen. Unsere Leistungen, zum Beispiel auf der letzten Meile oder im Rangierbetrieb auf Anschlus­s­gleisen, stellen wir nach Bedarf zur Verfügung. Es gibt da keine Beschränkungen.

Sollen die Vorschriften für die Strasse wie LSVA, Nacht- und Sonntagsfahr­verbot, 40-Tonnen-Limite oder Kabotageverbot verschärft werden?

DITTLI: Nein, der VAP will die Infrastrukturverfügbarkeit und die Rahmenbedingungen für den Bahngüterverkehr verbessern. Eine diesbezügliche Verschlechterung für den LKW lehnen wir ab. Die Verkehrsträger müssen sich gegenseitig ergänzen und entsprechend ihrer Stärken kombiniert werden.

PERRIN: Die aktuellen Rahmenbedingungen haben sich bewährt und sind für unser Land angepasst. Wir und unsere Kunden benötigen eine langfristige Investitions­sicherheit. Das trifft auch auf die Strasse zu, wir sind da mit dem Nutzfahrzeug­verband (ASTAG) einer Meinung. Die Rahmenbedingungen sollen für alle fair sein und die Stärken der einzelnen Verkehrsträger fördern.

In Deutschland und in Schweden liegt rund ein Drittel des Schienengüter­verkehrsmarkts in privaten Händen. Ein Vorbild für die Schweiz?

PERRIN: Mit SBB Cargo International sind wir diesen Weg bereits gegangen und haben ein weiteres Unternehmen, die Hupac, mit an Bord geholt. Das Modell ist erfolgreich. Wir können uns gut vorstellen, dies auch für SBB Cargo anzuwenden und das Aktionariat zu öffnen. Potenzielle Partner sollten strategische Vorteile bringen und sich substanziell an unseren Geschäfts­risiken – oder besser: an den Chancen  – beteiligen.

DITTLI: Wettbewerb führt zu besseren Ideen und Angeboten. Das war die Prämisse bei der Bahnreform 1999, als der Bahngüterverkehr liberalisiert wurde. Dann haben Politik und die SBB es zugelassen, dass die Infrastruktur vom Personen­verkehr überflutet wurde. Die Trassen im Güterverkehr fehlen oft oder sind teilweise von schlechter Qualität mit entsprechend überhöhten Folgekosten im Betrieb. So ist Wettbewerb unter Güterbahnen schwierig. Daher wünschen wir uns eine strategische Planung der Terminals mit effizienten Ganzzugsverbindungen.

Keine Monopole, freier Wettbewerb – träumen Sie vom deregulierten Güterverkehr auf Strasse und Schiene?

DITTLI: Auf der Strasse ist er bereits Realität und macht unseren Mitgliedern Freude. Auf der Schiene existiert er auf dem Papier, doch die vielerorts ungenügende Infrastruktur, der Druck auf unsere Logistikstandorte ohne alternative Entfaltungsmöglichkeiten und die weiteren Rahmenbedingungen hemmen den Wettbewerb.

PERRIN: Das erlebe ich anders. Wir haben bereits seit knapp 15 Jahren Wettbewerb im Schienengüterverkehr. Zudem glaube ich nicht, dass in der Schweiz mit den eigentlich zu kurzen Distanzen parallel mehrere Wagenladungsnetzwerke rentabel betrieben werden können – es ist schon bei einem Netz schwierig. Der Wettbewerb führt hier primär zu einem Rosinen­picken, was es für die Netzbetreiber nicht einfacher macht.

DITTLI: Grundsätzlich macht die SBB Cargo einen guten Job. Unsere Mitglieder wünschen sich aber mehr unternehmerische Freiheit für SBB Cargo und noch mehr Kundenorientierung. Dies hat sich etwa beim neuen Produktionsmodell in drei Wellen gezeigt, welches die Wirtschaft vielerorts nicht befriedigt hat.

Wie sehen Sie den Schweizer Güterverkehr in zehn Jahren?

DITTLI: Die Feinverteilung erfolgt auf der Strasse ab gut gelegenen Logistikstandorten. Diese sind durch effiziente Ganzzüge und verschiedenste Güterbahnen vernetzt und werden ergänzt durch den Wagen­ladungsverkehr. Die rasanten Entwicklungen in der Automatisierung sowie multifunktionale Strukturen erlauben grosse Effizienzsteigerungen. Hier braucht es neue Allianzen und Akteure. Die Politik sorgt für die Infrastruktur, die raum­planerische Entwicklung und liberale Rahmenbedingungen.

PERRIN: Es geht zunehmend um die Ver- und Entsorgung von Wirtschaftsräumen und weniger um konkrete Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen Industriebetrieben. Dabei muss die Bahn deutlich einfacher und effizienter werden. Wir erledigen heute noch vieles in Handarbeit, ich denke da etwa an das Kuppeln von Wagen oder die Bremsprobe. Hier setzen wir auf neue Technologien. Bei der Digitalisierung strebt die SBB einen offenen Datenaustausch unter allen Teilnehmern an.

Zum Schluss ein virtueller Rollentausch: Herr Dittli, was würden Sie ändern, wenn Sie ab morgen der Chef von SBB Cargo wären?

DITTLI: Ich würde mit dem Präsidenten des VAP auf einer gemeinsamen Ski- oder Bergtour das Beste für den Schienen­güterverkehr und damit das Beste für SBB Cargo herauszuholen versuchen.

Und Ihre Botschaft als neuer VAP-Präsident, Herr Perrin?

PERRIN: Ich würde mich zusammen mit SBB Cargo für einen Schienengüter­verkehr einsetzen, der der Schweizer Wirtschaft und damit den Mitgliedern am meisten Nutzen bringt. Und natürlich würde ich die Einladung des Chefs von SBB Cargo annehmen.

Josef Dittli.

Josef Dittli, 60, ist seit 2015 Urner FDP-Ständerat und seit Mitte 2016 Präsident des VAP (Verband der verladenden Wirtschaft). Zuvor war er Volksschullehrer und Berufsoffizier als Oberst im Generalstab sowie Regierungsrat. Josef Dittli ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Der VAP (Verband der verladenden Wirtschaft) vertritt rund 300 Unternehmungen der verladenden Wirtschaft und Logistik der Schweiz, Deutschlands, Italiens, Polens, Österreichs und Frankreichs.

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