«Eine völlig neue Logik».

In wenigen Wochen startet der neu konzipierte Wagenladungsverkehr. Verkehrsökonom Jobst Grotrian sagt, was auf die Kunden zukommt.

Herr Grotrian, warum braucht der Wagenladungsverkehr (WLV) ein neues System?

SBB Cargo ist für die Logistikkette der Schweizer Unternehmen mit einem Anteil von 25 Prozent an der gesamten Transportleistung Strasse/Schiene von zentraler Bedeutung. Der WLV übernimmt dabei die Schlüsselrolle. Unter den derzeitigen Bedingungen kann er aber nicht kosten­deckend betrieben werden. Weiter wird die Infrastruktur künftig noch knapper, und zugleich hält die Digitalisierung in der Logistik Einzug und das Tempo erhöht sich. Der Kostendruck auf die Schiene steigt in den nächsten Jahren kontinuierlich an. Die Frankenstärke und die schleichende Deindustrialisierung der Schweiz erfordern wirkungsvolle Massnahmen, um den Wagenladungsverkehr in Zukunft nachhaltig betreiben zu können. 

Was wird ab 2017 besser?

WLV 2017 ist der erste Schritt, um das heutige System fit für die Zukunft zu machen. Wir erweitern damit das Angebot für unsere Kunden, verbessern die Auslastung der Bahninfrastruktur und können effizienter arbeiten. Zentrale Bausteine sind eine 24-Stunden-Produktion in mehreren Phasen sowie eine passgenaue Buchungslogik. 

24-Stunden-Mehrphasenproduktion – was heisst das?

Eine Produktion, die den Gütertransport nicht mehr nur über Nacht abwickelt wie bisher, sondern über 24 Stunden. SBB Cargo holt und bringt die Güter an grossen Standorten bis zu dreimal täglich von und zu unseren Kunden. Wir können damit mehr Güter in Expressverbindungen transportieren. Sie werden abends beim Kunden abgeholt und kommen am nächsten Morgen an der Zieldestination an. Beim sogenannten kurzen Nachtsprung stellen wir eine grosse Nachfrage fest, insbesondere in der Lebensmittelindustrie und bei Detailhändlern. In zwei weiteren Phasen werden die übrigen Güter abgeholt und zugestellt. Dies ermöglicht auch Tages­verbindungen. Dabei können wir die Rangierzeiten so legen, dass wir den Personenverkehr in den Morgen- und Abendspitzen mehrheitlich nicht mehr tangieren. 

Was ist «passgenaue Buchungslogik»?

Wir schaffen einen festen Fahrplan für den Güterverkehr. Unsere Kunden können konkrete Verbindungen buchen. Sie wissen so genau, ob ihre Güter zur gewünschten Zeit transportiert werden können. Unsere Kunden erteilen uns künftig also nicht einfach einen Beförderungsauftrag, sondern legen gleichzeitig auch die konkreten Abhol- und Zustellzeitfenster fest. Entsprechend führen wir bereits bei der Buchung eine Kapazitätsprüfung durch und können so eine verbindliche Zusage zur Einhaltung der geplanten Transportkette machen. 

Wie gut sind die Kunden informiert?

Seit zwei Jahren stehen wir mit den Kunden in intensivem Kontakt und haben Gespräche und Workshops durchgeführt, in denen wir ihnen das neue Angebot nähergebracht und ihre Wünsche und Bedürfnisse mit aufgenommen haben. In den letzten Monaten haben wir unsere über 1000 Kunden umfassend über die Um­stellung informiert. Zudem bieten wir ihnen vertiefte Schulungen zu unserem Buch­ungssystem an. 

Wie reagieren die Kunden?

Wir erleben unsere Kunden als sehr konstruktiv und erhalten viele positive Reaktionen. Wir sind uns dabei durchaus bewusst, dass diese Umstellung auch für unsere Kunden eine grosse Veränderung darstellt. Die grösste Herausforderung sehen wir darin, dass unsere Kunden neu die Wagen zu verschiedenen Zeiten am Tag für die Ab­holung bereitstellen können und vor der Bereitstellung die Zeit festlegen und diese buchen müssen, damit der Transport reibungslos funktionieren kann. 

Was ist die grösste Herausforderung für SBB Cargo?

Beim WLV 2017 handelt es sich nicht allein um einen neuen Fahrplan, sondern um eine grundlegend neue Art, den Wagen­ladungsverkehr zu produzieren. Neu müssen die Wagen gemäss dem Fahrplan befördert werden, auf dem sie gebucht wurden. Das ist eine völlig neue Logik gegenüber dem heutigen System, bei dem wir alle Wagen abholen, welche die Kunden uns am Gleis bereitstellen. 

Jobst Grotrian.

Jobst Grotrian ist Verkehrsökonom und ein ausgewiesener Experte im Bereich Verkehrspolitik und Transportwirtschaft. Als Co-Projektleiter von SBB Cargo ist er zuständig für die Umsetzung des Konzepts WLV 2017.

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