Die Gastgeberin.

Und auf einen Schlag ist es still. Die Leinwand dunkel, der Beifall verklungen, die Sitze leer. Dann, Mitte August, wandert Lisa Barzaghi jeweils abends über die verlassene Piazza Grande ihrer Heimatstadt Locarno und kann es kaum fassen. «Ein merkwürdiges Gefühl», sinniert sie. «Das geht von hundert auf null in einem Moment. Es braucht eine Weile, bis ich realisiere: ‹Accidenti, das Festival ist tatsächlich zu Ende!› Dann fühle ich mich zuerst verloren, muss Luft holen, mich wieder an ein normales Leben gewöhnen.

»Das «normale» Leben hat Barzaghi vier Monate vorher verlassen. Im April trifft sie als eine der Ersten im Hauptsitz der Festivalleitung des Festival del film Locarno ein. Die Vorbereitungen für einen der glamourösesten Events der Schweiz nehmen ihren Anfang. Barzaghi kennt dieses Gefühl: Seit vier Jahren leitet die 29-Jährige das «Hospitality Office», den Dreh- und Angelpunkt für Einladung, Anreise und Unterbringung aller geladenen Gäste. Seit sie 18 Jahre alt war, hat sie jeden Sommer hier mitgeholfen.

1000 Einladungen in alle Welt.

Es wird Juni, und die Filme werden bestimmt. Lisa Barzaghi verschickt Einladungen in die ganze Welt. «Wir kümmern uns um rund 1000 Personen», erklärt sie, «in erster Linie Journalisten, Vertreter der Filmindustrie, Mitarbeitende von anderen Festivals, Jurymitglieder. Und dann natürlich die Schauspieler, Regisseure und Produzenten.»

Für jeden Film werden je nach Sektion nur eine bestimmte Anzahl Personen eingeladen. Gibt das keinen Streit? «Dafür haben wir unsere Bibel», lacht Barzaghi und meint das «Regolamento ospitalità». Darin ist fixiert, welche Art von Gästen welchen Service vom Festival zu erwarten haben.

Ein Knackpunkt sind die Unterkünfte. Mitten in der Hochsaison so viele freie Betten im kleinen Locarno zu finden, ist eine Herausforderung; Barzaghi hat die Hotelfachschule absolviert, das erleichtert den Kontakt. Parallel dazu werden Flüge gebucht und die Transporte nach Locarno organisiert. Je näher das Festival rückt, desto grösser wird das Team. Am Schluss kümmern sich acht Personen in der Zentrale und unzählige Helfer um die Gäste.

Bei tausend Gästen läuft nicht immer alles rund. Manche kommen am falschen Tag an oder sind mit dem Hotelzimmer nicht zufrieden. Während des Festivals sitzt die Chefin im Büro und löst pausenlos Probleme. «Unvorhergesehenes ist dann an der Tagesordnung. Aber ich habe ein fantastisches Team, da verliert keiner die Nerven. Dabei gilt unsere wichtigste Regel: Nie in Panik verfallen, es gibt immer eine Lösung.»

Decknamen für VIPs.

Und da sind noch die VIPs, um die sich die Chefin ganz persönlich kümmert. Die Weltstars werden abgeschirmt und bekommen Decknamen, damit niemand weiss, wer wann wo eintrifft und wohnt. Dabei muss Barzaghi auch auf allerlei Sonderwünsche Rücksicht nehmen. «Generell kann ich sagen: Je prominenter eine Person ist, desto weniger Allüren hat sie. Es ist eher die zweite Garde, die sich zickig aufführt.» Wer hat sie am meisten beeindruckt? Sie überlegt nicht lange: «Harry Belafonte!» Der Weltstar nahm 2012 den «Pardo alla carriera» für sein Lebenswerk entgegen. Von seinem Benehmen und Umgang mit dem Personal redet man am Festival noch heute voller Bewunderung und Respekt. «Che signore», erinnert sich Lisa Barzaghi verträumt.

Kino liegt kaum drin.

Selbst hat die aufgestellte Organisatorin kaum Zeit, sich einen Film anzuschauen. «Ich versuche, wenigstens einen oder zwei Filme auf der Piazza Grande zu sehen. Zu mehr reicht es leider nicht, und mein Handy klingelt alle paar Minuten.»

Und dann, nach zehn Tagen Dauerstress, nachdem sich 170 000 Besucher etwa 300 Filme aus 50 Ländern angeschaut haben, endet das Festival von einem Moment auf den anderen, und zurück bleibt diese merkwürdige Leere. Wieso tut sie sich das eigentlich an? Lisa Barzaghi überlegt. «Das frage ich mich manchmal auch. Aber das Festival ist so stimulierend, motivierend, voller Adrenalin, eine faszinierende Welt.» Sie trinkt einen Schluck von ihrem Kaffee. «Ich langweile mich normalerweise schnell. Aber ich kann versichern: Das Festival lässt das absolut nicht zu!»

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