Ein Päckchen Verantwortung tragen.

DPD Schweiz hat seinen Autoreifentransport von der Strasse auf die Schiene verlagert und spart damit zehn Lastwagen pro Nacht ein. Weil erste Erfahrungen mit dem kombinierten Verkehr so erfolgreich waren, werden jetzt alle Linienverkehre des Paketdienstleisters auf eine mögliche Verlagerung hin geprüft.

Für den Grossteil der Versender und Paketempfänger ist die schnellstmögliche Auslieferung ihrer Ware das Wichtigste – um nicht zu sagen: oft das einzige Kriterium, nach dem sie einen Paketdienstleister auswählen oder bewerten», weiss Rolf Neeracher, Linienverkehr-Manager beim Paketdienstleister DPD Schweiz. Trotzdem wickelt er einen Teil seiner Transporte seit Herbst 2019 fix per Zug ab. Warum? «Es gibt tatsächlich Zielkonflikte: Der Zug ist ökologisch, aber nicht das schnellste und flexibelste Transportmittel für unsere Pakete.» Allerdings beobachtet Rolf Neeracher derzeit einen Wertewandel bei seinen Kunden: «Man fragt immer wieder direkt nach, warum wir zusätzliche Transportmengen nicht per Bahn befördern, obwohl das etwas länger dauern würde. Und einige entscheiden sich gezielt für uns, weil wir uns freiwillig dazu verpflichten, CO₂ zu kompensieren.»

Nachhaltigkeit als starkes Argument

Dass DPD Schweiz jetzt täglich jeweils 1–2 Wechselbehälter – spezielle Container für Strassen- und Schienenverkehr – ab Gossau nach Cadenazzo und Renens im Rundlauf mit SBB Cargo transportiert, zahlt denn auch primär auf die Umweltziele des Unternehmens ein. Bis 2025 will man die Emissionen pro Paket um 30 Prozent senken. Dank Bahntransport werden jetzt erstmal zehn Lastwagenfahrten und rund 1,2 Tonnen CO₂ pro Nacht eingespart. Die Entlastung des Strassennetzes bringt DPD aber nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile: Neben der CO₂-neutralen Belieferung werden für den Bahntransport weniger personelle Ressourcen gebraucht, und somit wird die hohe Nachfrage nach Fahrern im Markt kompensiert. «Für mich persönlich hat das Argument Nachhaltigkeit inzwischen genauso viel Gewicht wie der finanzielle Aspekt», sagt Rolf Neeracher.

Früher Flop, heute top

Der Linienverkehr-Manager trippelt auf der Stelle, haucht und reibt die Hände aneinander. Die Kälte kriecht langsam die Hosenbeine hoch. Rolf Neeracher und sein Team stehen am Gleis des Umschlagterminals Dietikon und löchern Knuth Rüegg, den Sales Manager kombinierter Verkehr von SBB Cargo. Dieser hat seine neuen Kunden zur Terminalbesichtigung eingeladen. «Nur so erlebt der Kunde hautnah, was in seiner Logistikkette in einem regionalen Umschlagterminal mit seinem Ladegut geschieht.» Begleitet wird der Besuch vom geschäftigen Brummen des Reach-Stackers, einer Art Kreuzung aus Kran und Traktor, der den DPD-Wechselbehälter zur Demonstration vom Lastwagen auf den Zug hebt. Kinderleicht sieht das aus – ist es aber nicht. Es braucht eine spezielle Ausbildung, um das Schwergewicht sicher bedienen zu können. Knuth Rüegg zeigt auf die gebrandeten Behälter und erklärt: «DPD hat sein eigenes Equipment. Die Vor- und Nachläufe, also den Transport per Lastwagen hin zum und weg vom Umschlagterminal, organisiert das Unternehmen selbst. Wir bieten bei Bedarf aber auch das Rundum-sorglos-Paket an.» Die Kapazitätsauslastung liege voll und ganz bei SBB Cargo. «Man kann sich das wie bei einem Sessellift vorstellen, der immer fährt, egal, ob er gerade voll besetzt oder leer ist. Der Kunde trägt da keine Verantwortung.»

Trotz Eiseskälte ist die Stimmung heiter, immer wieder wird gescherzt oder eine Anekdote zum Besten gegeben. Zum Beispiel diese hier: «Als SBB Cargo auf uns zukam, hatte ich meine Erfahrungen aus vergangenen Zeiten vor Augen», wirft Rolf Neeracher schmunzelnd in die Runde. «Früher musste ich in Aarau regelmässig auf den Zug mit unseren Wechselbrücken warten. Es kam auch vor, dass der Zug dann überhaupt nicht mehr eintraf. Ich hatte also den kombinierten Verkehr als ziemlich unzuverlässig in Erinnerung.» Dass Rolf Neeracher über seine frühen Erfahrungen mit SBB Cargo inzwischen lachen kann, hat freilich mit der jüngsten, sehr erfolgreichen Zusammenarbeit zu tun. «Allein die Testphase hat uns dermassen überzeugt, dass wir alle unsere Verkehre hinsichtlich der Möglichkeiten für den Bahntransport überprüfen», sagt der Linienverkehr-Manager.

Weniger Stauverlust, keine Schäden

Als erster Schritt wurden zeitunkritische Produkte wie Autoreifen auf die Bahn verlagert. Sie sind dreimal so gross und schwer wie durchschnittliche Pakete. Jedes Jahr im Frühling und im Herbst hat die voluminöse Fracht die DPD-Linienverkehre enorm belastet. «Indem wir die Reifen von den restlichen Paketen trennen und weniger Stauverlust haben, können wir mit unseren regelmässigen Strassentransporten dreimal mehr Pakete transportieren als bei einer Gemischtverladung. Zudem lassen sich so Schäden an normalen Frachten besser verhindern», erklärt Rolf Neeracher.

Gepunktet hatte SBB Cargo in diesem Zusammenhang mit ihrem Linienverkehr und der günstigen Lage der Umschlagterminals. Ein Grossteil der Depots von DPD befindet sich im Umkreis von 20 Kilometern um einen der Umschlagbahnhöfe. Knuth Rüegg wirbt: «Wir prüfen laufend Kundenbedürfnisse und erweitern, wo nötig, die Terminallandschaft. Ab April 2020 bieten wir eine weitere Umschlagmöglichkeit in Stabio an; Widnau folgt im August.» Und SBB Cargo habe in den letzten Jahren darauf hingearbeitet, dass die Kunden ihre Wechselbehälter möglichst spät anliefern und möglich früh am Zielort abholen könnten. Das mache es einigen Kunden erst möglich, mit der Bahn zusammenzuarbeiten.

Nach den ersten Transporten hat Rolf Neeracher erkannt, dass «es inzwischen sehr unkompliziert geworden ist, eine Wechselbrücke auf die Bahn zu bringen und von dort wieder zu holen». Zum Glück, steht doch die Zuverlässigkeit für den Paketdienstleister an oberster Stelle: «Das erfüllt SBB Cargo heute zu 100 Prozent.» Er empfinde die Zusammenarbeit als sehr angenehm, besonders in der KV-Dispo herrsche ein tolles Klima. «So gut wie alle unsere Wünsche wurden zur vollsten Zufriedenheit erfüllt. Und wenn etwas mal nicht umgesetzt werden kann, werden Varianten vorgeschlagen. Das schätze ich sehr.»

Werte als Herausforderung

Geplant ist, dass auch einige der regulären Pakete ab diesem Jahr per Bahn transportiert werden. Hierfür befindet sich DPD gerade in Vorbereitung. Knuth Rüegg ist zuversichtlich: «Die Möglichkeit, mehr zu transportieren, ist von unserer Seite von heute auf morgen gegeben – wir sind parat.» Zunächst braucht es allerdings noch mehr Sortierkapazität seitens DPD. Eine weitere Hürde liegt in der Organisation der Transporte: Ein Bahntransport ist für den Paketdienstleister immer noch speziell, sodass die Mitarbeitenden in den Depots geschult werden müssen. Zudem schwanken die Paketmengen stark, was die Planbarkeit erschwert. In einigen Fällen bleibt somit die Flexibilität der LKW wichtig, die eine zusätzliche Runde fahren können. Und nicht zuletzt, betont Rolf Neeracher, bleibe dieErwartung der Versender an eine spätestmögliche Anlieferung und eine schnellstmögliche Auslieferung nach wie vor eine Herausforderung: «Der Wertewandel in der Gesellschaft muss hier erst noch weiter voranschreiten.»

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