Mit einem KNIE auf der Schiene.

Eine Geschäftsbeziehung, die mehr als hundert Jahre hält? Doch, so etwas gibt es. 1919 wurde der Circus Knie gegründet – und seither reist er mit der Bahn.

Den ganzen Zirkus auf die Schiene zu packen, war früher ein Kraftakt. Heute ist es eine riesige logistische Herausforderung, die aufgrund ihrer Grösse und Dauer niemals zur Routine verkommen wird. Allein im Jahr 2019 reist der Circus Knie kreuz und quer im ganzen Land total 2433 Bahnkilometer. Das entspricht etwa der Distanz Schweiz–Island. 

Ein Unternehmen mit fast 250 Mitarbeitenden mehr als dreissigmal zu zügeln, verlangt der Planung einiges ab: Der Zirkus verteilt sich auf 45 Waggons in zwei Zügen. Die Rangierteams der Bahn und das Verladeteam des Zirkus sind bestens eingespielt, doch auch bei ihnen kommt keine Routine auf. Zu verschieden sind die Herausforderungen an den jeweiligen Örtlichkeiten: Hier sind es zu kurze Abstellgleise, dort fehlende Rampen, dann wieder sind es verstellte Wege – langweilig wird es nie. 

«Manchmal sind auch wir Artisten» 

Das bestätigt Stefan Bühler, der die Planung bei SBB Cargo verantwortet: «Jede Örtlichkeit muss einzeln abgeklärt werden, um böse Überraschungen zu vermeiden. Wenn irgendwo eine Rampe zurückgebaut wurde, müssen wir uns mit der eigens dafür entwickelten mobilen Rampe behelfen. So einen Schwertransport plant man besser im Voraus.» Manchmal sind komplexe Aktionen nötig, die den normalen Betrieb aber nicht beeinträchtigen dürfen. «Je nach Gleis- bzw. Rampenlänge müssen wir die Züge in mehrere Teile zerlegen und wieder zusammenstellen. Da sind auch wir manchmal Artisten.» 

Und obwohl alles bestens geplant und überall vorgesorgt ist, kann etwas Unvorhergesehenes passieren: Eine nächtliche Baustelle zwingt den Zug zu einem grösseren Umweg, oder es kommt zu einer Entgleisung – wie vor zwei Jahren. «In Olten waren zwei Waggons aus den Schienen gesprungen», erinnert sich Bühler. Anderswo hätte der Circus Knie die nächste Vorstellung wohl absagen müssen. Nicht so in der Schweiz. «Nach sechs Stunden hatten wir die Situation bereinigt und die Waggons ersetzt. Zeitlich wurde es dann aber recht knapp.» 

Versumpft 

Ein anderes Mal ist der Zirkus nach tagelangem Dauerregen im aargauischen Klingnau richtiggehend versumpft. SBB-Cargo-Planer Stefan Bühler erzählt: «Die Wagen steckten im Morast fest. Es hat Stunden gedauert, sie aus der matschigen Erde zu befreien und zum Bahnhof zu bringen. Die Artisten und all die anderen Zirkusleute und natürlich auch unsere Rangierteams bekamen in dieser Nacht kaum Schlaf.» 

Ein ähnlicher Schreckmoment ist auch Franco Knie junior, dem technischen Leiter des Circus Knie, in Erinnerung geblieben. Im Tessin fiel vor Jahren beim Verladen der grosse Tankwagen für die Traktoren, Generatoren und Stapler vom Bahnwagen. «Das Ganze sah aber schlimmer aus, als es war.» Der Tank hielt dicht. Er wurde auf Schwachstellen geröntgt, aber ausser ein paar Beulen hatte er keinen Schaden genommen. «Sonst lief eigentlich fast immer alles rund», sagt Franco Knie junior. 

Nicht rückwärts manövrieren 

Der dichter werdende Fahrplan stellt die Verantwortlichen von SBB Cargo immer wieder vor neue Herausforderungen. Trotzdem kann sich Planer Stefan Bühler nicht vorstellen, an die Grenzen zu stossen: «Wir könnten noch einen Zug hinstellen: Die Kapazität ist da, und die Logistik stimmt.» Der reibungslose Transport des Nationalzirkus hat beim Bahnunternehmen höchste Priorität. Deshalb werden feste Rangierteams eingesetzt, die den Zirkus teilweise schon seit Jahren begleiten. 

Die logistische Aufgabe ist alles andere als einfach. Der Zug wird schon während der letzten Vorstellung beladen. Der Verlademeister muss darauf achten, dass am Ziel Werkzeug und Material für den Aufbau des Zelts und der Stallungen als Erste abgeladen werden können. In den vergangenen hundert Jahren haben der Circus Knie und SBB Cargo immer wieder Lösungen gefunden für die vielfältigen Herausforderungen, die der komplexe Transport stellt. Die bereits erwähnte mobile Rampe wurde mit einer Spezialfirma entwickelt und kann in zwei Stunden zusammengesetzt werden. Der Umstand, dass Zirkuswagen nicht rückwärts manövriert werden können, erschwert das Unterfangen zusätzlich. Damit jeweils zwei Zirkuswagen auf einem Eisenbahnwagen Platz haben, wurde in der Mitte konventioneller Flachwagen eine Verlängerung eingeschweisst. 

Elefantenspektakel 

SBB Cargo ist stolz darauf, dass sie mit der Qualität der Transporte den hohen Ansprüchen des Zirkus gerecht wird. Die Familie Knie steht traditionell zur Bahn als Transportmittel – das passt perfekt zum Bahnland Schweiz. Anstelle des Zugs mit dem Auto von einem Gastspielort zum nächsten zu reisen, ist in der Familie kein Thema: «Nein, diese Frage stellt sich für uns gar nicht», sagt Franco Knie junior. «Aus logistischen Gründen wickeln wir den Transport teils über die Strasse und teils über das Schienennetz ab.»  

Gerne denkt der Zirkusnachkomme an die Zeit zurück, als der Circus Knie noch Elefanten verladen hat: «Das war immer ein Spektakel mit vielen Schaulustigen. Die Tiere haben sich eigentlich immer gefreut auf ihren Spezialwagen mit frischem Futter darin. Die Bahnfahrt  selbst war ja meistens nur kurz.» 

Zwei Loks zu Ehren des Circus Knie 

Seit November 2018 sind im Rahmen des Hundertjahrjubiläums des Circus Knie zwei Knie-Lokomotiven auf dem ganzen SBB-Netz unterwegs: eine Lok im Personenverkehr und eine im Güterverkehr. «Das ist natürlich eine grosse Ehre für die Familie und den Zirkus», freut sich Franco Knie junior, «ein echtes Highlight.» Überhaupt müsse er jetzt einmal betonen: «Die Zusammenarbeit mit SBB Cargo war und ist immer supertoll.»  

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