«Die Zeiten des Gegeneinanders sind vorbei».

Welche Bedeutung hat Basel als Logistikdrehscheibe der Zukunft? Gespräch zwischen Thomas Knopf, CEO des Baselbieter Schifffahrts- und Hafenlogistikers Ultra-Brag, und Nicolas Perrin, CEO von SBB Cargo.

Herr Knopf, als gebürtiger Basler sind Sie sicher stolz auf den FCB.

THOMAS KNOPF: Natürlich bin ich gros­ser FCB-Fan! Ich habe eine Saisonkarte und besuche regelmässig Fussballspiele. Ein grosses Ereignis war aus beruflicher Sicht, als wir kürzlich im Hafen unter grösster Geheimhaltung den neuen FCB-Mannschaftsbus umschlagen durften. Dieser wurde dann auf einem Floss im Rhein feierlich eingeweiht. Genau wie der Club sind auch wir täglich gefordert, best of the class zu bleiben.

Herr Perrin, was verbindet Siemit Basel?

NICOLAS PERRIN: Ich hatte in der Nordwestschweiz meinen ersten Job. In dieser Zeit trainierte ich bei einem Wasserfahrverein und bin mit dem Weidling um die Brücken gekurvt. Als Wasserfahrer habe ich den Rhein kennen und schätzen gelernt. Ich kenne fast jede Strömung!

SBB Cargo und Ultra-Brag blicken auf eine lange Zusammenarbeit zurück. Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

KNOPF: Alle unsere Anlagen sind trimodal ausgerichtet, also mit Bahnanschluss. Als führendes Unternehmen in den Rheinhäfen schlagen wir im Jahr etwa eine Million Tonnen Waren um, seien es Getreide- und Futtermittel, Schwer- und Massengüter oder Container. Der Vor- und Nachlauf auf der Schiene spielt für uns eine zentrale Rolle. Wir haben gemeinsame Kundenprojekte, bei denen wir in der Binnenschifffahrt den Umschlag abwickeln und auf die Schiene weiterführen, so etwa von Norddeutschland nach Italien und umgekehrt.

PERRIN: Die Rheinhäfen spielen auch bei uns eine wichtige Rolle. Fast zehn Prozent des Binnenvolumens wird in den Rheinhäfen generiert. Man spricht immer von Containern, doch auch konventionelle Umschläge und Massengüter – Getreide, Stahl oder Mineralöl – haben nach wie vor einen hohen Anteil. Wir müssen auch in diesem Geschäft innovativ bleiben.

Wie beurteilen Sie die Logistikbranche in der Schweiz?

KNOPF: Wir leiden nach wie vor unter gros­sem Preisdruck. Zusätzlich gefordert sind wir aufgrund von Volumenveränderungen, veränderten Verkehrsströmen und neuen Provenienzen. Die Schweizer Papierindustrie, für die wir früher grosse Mengen an Zellulose umgeschlagen haben, ist mehr oder weniger verschwunden. Ebenfalls auf dem Rückzug ist die Stahl­industrie – es existieren nur noch zwei grosse Werke in der Schweiz. Dieser Wandel findet sehr schnell statt, daher müssen wir möglichst flexibel bleiben, um auf neue Situationen sofort reagieren zu können.

PERRIN: Die Margen sind extrem tief.Diese Tatsache wird nach wie vor durch die Problematik des starken Frankens verschärft. Die Luft wird immer dünner. Doch ich bleibe optimistisch, denn ohne Logistik kann die Wirtschaft letztlich nicht existieren. Ein Standort ohne eine starke Logistik vor Ort wird langfristig seine Probleme haben.

Wie beeinflusst die Deindustrialisierung der Schweiz die Warenströme?

PERRIN: Die Auswirkungen sind komplex. Da die Schweiz immer weniger produziert und gleichzeitig immer mehr importiert, verändern sich die Abläufe. Umgekehrt führen zum Beispiel die steigenden Recyclingtransport zu mehr Exportvolumen, da sich die Abnehmer von Altglas und Altpapier zumeist im Ausland befinden. Insgesamt müssen wir uns mit einer neuen Organisation der Warenströme auseinandersetzen.

KNOPF: Tendenziell gehen wir davon aus, dass die Unpaarigkeit zwischen Import und Export zunehmen wird, was sich negativ auf die Kostenstruktur auswirkt. Dazu kommt, dass wir sehr immobil aufgestellt sind; seit 2007 haben wir über 110 Millionen Franken in Infrastruktur investiert. Ein Silo zum Beispiel ist auf einen Zeitraum von 50 Jahren ausgelegt; hier muss unser Geschäftsmodell also langfristig sein. Doch je schneller sich das Marktumfeld verändert, desto schwieriger wird das Investieren. Das heisst, wir müssen unsere Infrastrukturen künftig so auslegen, dass wir sie den sich permanent verändernden Gegebenheiten so gut wie möglich anpassen können. Wer diesen Spagat am besten beherrscht, hat in unserem Geschäft die besten Karten.

Welche Strategien führen zum Ziel?

KNOPF: Im Zuge der Digitalisierung bieten sich einmalige Chancen, Kapazitäten effizienter auszulasten. Ein Beispiel: Mehr als ein Drittel der Container, die die Schweizerischen Rheinhäfen erreichen oder verlassen, ist heute leer. Da gibt es viel zu optimieren. Zudem müssen wir vermehrt in Partnerschaften denken, um unsere Mittel noch wirkungsvoller einsetzen zu können.

PERRIN: Es ist noch nicht lange her, als in der Logistik jeder versuchte, den Lead zu übernehmen und alle anderen vom Tisch zu verdrängen. Hier ist ein Wandel zu beobachten: Man versucht heute eher, auf Augenhöhe ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Es ist nicht mehr ein Kampf um die Vorherrschaft, sondern einer um die besten Lösungen für unsere Kunden.

KNOPF: Die Zeiten des Gegeneinanders sind definitiv vorbei. Heute braucht es transparente und partnerschaftliche Konzepte mit einer Gesamtkostenstruktur, bei der jeder etwas verdienen kann.

Das Getreidesilo von Ultra-Brag ist mit 83,6 Metern das dritthöchste Gebäude der Stadt – eine Art Wahrzeichen. Wird Basel seiner Bedeutung als Logistikstandort gerecht?

KNOPF: Unser Silo ist – nach dem Roche-Tower mit 178 Metern und dem Messeturm mit 105 Metern – nach wie vor Basels höchstes Industriegebäude. Die Speditions- und Logistikbranche gilt im Kanton Basel-Stadt als Schlüsselbranche und liegt im Fokus der Kantonsregierung. Das Dilemma ist jedoch, dass sich auf dem eng begrenzten Raum die unterschiedlichen Interessen von Gewerbe und Wohnen gegenüberstehen. So wäre etwa das West-Quai eine gute Logistikfläche, doch dort laufen 2029 die Baurechtsverträge aus. Niemand weiss, wie es dann weitergeht – und unter diesen Voraussetzungen ist heute niemand bereit, dort zu investieren.

PERRIN: Im Schweizer Vergleich hat Basel die wahrscheinlich höchste Affinität zur Logistik. Doch die Stadt steht unter enormem Siedlungsdruck. Wolf, Dreispitz – überall sind neue Quartiere geplant. Die Logistik ist flächenintensiv, und in der Schweiz ist nicht mehr viel Freiraum vorhanden. Deshalb müssen wir mehr aus den bestehenden Arealen herausholen. Wenn wir die Logistikflächen klar definieren und optimal ausnutzen, haben wir dort die nötige Planungssicherheit und können auf lange Frist investieren. Die SBB hat deshalb mit beiden Basel im Rahmen der Gesamtperspektiven die zukünftige Nutzung der Logistikflächen vereinbart.

KNOPF: Es ist eine philosophische Frage: Entweder man setzt auf möglichst grosse Infrastrukturen oder man denkt eher dezentral und betrachtet die Logistik als ein weltumspannendes Netz, in dem sich die Ware jeden Tag ihren Weg bahnt. Wenn ich eine E-Mail verschicke, läuft diese ja auch nicht immer über die gleichen Server, sondern sie sucht sich im Internet jedes Mal die ideale Verbindung. Wer weiss, vielleicht geht das ja zukünftig mit den Warenströmen in einer ähnlichen Weise vor sich.

135 Meter lange Schiffe, 750 Meter lange Güterzüge – die Dimensionen werden immer grösser. Was bedeutet das für die Logistik?

PERRIN: Das Problem ist, dass wir heute vor allem auf historisch gewachsenen Anlagen arbeiten. Diese wurden seinerzeitin einer Grösse gebaut, die den heute üb­lichen Einheiten oft nicht mehr gewachsen sind. Hier stellt sich jeweils die Frage, ob man die bestehenden Strukturen überhaupt noch an die heutigen Bedingungen anpassen kann – oder ob es nicht einfacher wäre, von Grund auf in neue Strukturen zu investieren.

KNOPF: Dabei dürfen wir uns aber nicht die Zukunft verbauen, sondern wir müssen uns möglichst alle Optionen offenhalten. Oft haben wir leider noch die Schweizer Brille auf. Dabei können wir, speziell hier im Dreiländereck, auch über die Grenzen hinausblicken, sprich: den Raum Baden und das Elsass miteinbeziehen und die Region als Grossraum begreifen.

Welche Bedeutung hat Basel als Logistikdrehscheibe der Zukunft?

PERRIN: Basel liegt zentral an der Nord-Süd-Achse des transeuropäischen Verkehrskorridors und wird als «Tor zur Schweiz» immer am Puls der Warenströme liegen. Sicher werden die Mittelmeerhäfen weiter an Bedeutung gewinnen, aber im Verhältnis zu den ARA-Häfen – Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen – sind die Volumen auf tiefem Niveau. Wenn man auf neue Logistikinfrastrukturen setzen will, ist Basel für die kommenden Jahrzehnte sicher der beste Ort.

KNOPF: Die Nordhäfen werden weiterhin von hoher Bedeutung bleiben, obschon die euphorischen Wachstumszahlen, die noch vor zehn Jahren kursierten, mittlerweile nach unten korrigiert worden sind. Es zeichnet sich zudem eine gewisse Verlagerung in Richtung Osteuropa ab, was kürzere Wege und mehr Verlässlichkeit bedeutet. Es bleibt auch abzuwarten, wie sich der E-Commerce auswirkt, wenn grosse Warenmengen über riesige Verteilzentren in Europa laufen. Auch der 3D-Druck kann einen Einfluss haben, wenn der Turnschuh direkt vor Ort hergestellt wird – statt irgendwo im fernen China.

Wie sichert man die 22 000 Logistik-Arbeitsplätze in der Nordwestschweiz?

PERRIN: Wir kämpfen für einen starken Standort. Natürlich gibt es Branchen, die pro Fläche mehr Arbeitsplätze generieren, aber es wird häufig vergessen, dass gerade die Logistik eine Grundvoraussetzungdafür ist, dass ein Land überhaupt erfolgreich wirtschaften kann. Die Logistik hat sich immer mehr oder weniger entlangdes Bruttoinlandprodukts entwickelt. Wenn es uns nicht gäbe, könnten die anderen auch nicht funktionieren.

KNOPF: Wir müssen international wett­bewerbsfähig bleiben. Dabei gilt es, genügend junge Leute für unsere Branche zu begeistern und diese auf Topniveau aus­zubilden. Mit unserem hohen Standard sind wir in der Schweiz auch international absolut wettbewerbsfähig.

Ultra-Brag verfügt über sechs eigene Rangierloks und hat zusammen mit einem bulgarischen Hersteller eine Lok entwickelt, die in der Schweiz vertrieben wird. Eine Kampfansage an SBB Cargo?

PERRIN: Wer so investiert, glaubt an die Bahn! Es ist doch erfreulich, dass Ultra-Brag auf die Schiene setzt. Konkurrenz erachte ich als positiv: Es zeichnet eine Partnerschaft aus, wenn man das aushalten kann.

KNOPF: Für uns als Hafenlogistiker spielt der Bahnumschlag eine wichtige Rolle. Dabei gilt es, Rangierdienstleistungen möglichst flexibel und effizient abzuwickeln. Als Basler sehe ich das sportlich – wie beim Fussball.  

Thomas Knopf.

Thomas Knopf, 50, ist seit 2016 CEO bei Ultra-Brag. Er hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität Basel studiert. Zuvor war er CEO des Logistikunternehmens Fiege Schweiz. Dort verantwortete er die strategische und ope­rative Führung der Geschäftseinheiten Schweiz, Österreich und Süddeutschland sowie den Aufbau der Ländergruppe Far East. In der Region engagiert sich Thomas Knopf zudem als Vorstand der Handelskammer beider Basel, als Verwaltungsrat des Euro Airport Basel und als Präsident von Spedlogswiss Nordwestschweiz.

Ultra-Brag.

Das Kerngeschäft der Ultra-Brag AG mit Sitz in Muttenz sind Umschlag, Lagerung und Schiffstransport von Gütern aller Art. Das 1925 gegründete Unternehmen erbringt seine Dienstleistungen mit modernsten Anlagen an drei Standorten in den Schweizerischen Rheinhäfen. Weiter betreibt Ultra-Brag zusammen mit Danser und Haeger & Schmidt eine Containerlinie auf dem Oberrhein, die zweimal wöchentlich die Oberrheinterminals Auhafen, Birsfelder Hafen, Basel sowie Weil am Rhein, Ottmarsheim, Neuf-Brisach, Strassburg und Kehl bedient. Das Unternehmen beschäftigt rund 150 Mitarbeitende.

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