Der Schnee-Leser.

Könnte sich Luca Müller etwas von Petrus wünschen, dann wären es 90 Zentimeter Schnee. Das ist die optimale Schneehöhe, um die Pisten für die Skifahrer vorzubereiten. «Am meisten Freude macht es mir, wenn die Hänge dank unserer Arbeit perfekt planiert und die Kunden zufrieden sind», sagt der 53-jährige, jugendlich wirkende technische Leiter der Airolo-Bergbahnen. Nacht für Nacht zieht er während der Skisaison im 12,5 Tonnen schweren roten Pistenbully seine dicht aneinan­dergereihten Bahnen durch den Schnee. Kaum haben die Skifahrer ihre letzten Schwünge absolviert und die Patrouilleure nach Pistenschluss um 16.30 Uhr die Hänge freigegeben, gehört das Skigebiet Airolo Luca Müller und seinen drei Kollegen: Sie starten die Motore ihrer bulligen Fahrzeuge und setzen beim Eindunkeln wie jeden Abend zu ihren einsamen Fahrten an.

Die Lawinengefahr im Blick.

Die Natur und die unterschiedlichen Stimmungen je nach Wetter und Tageszeit tragen dazu bei, dass Müller seinen Job nicht nur als Arbeit, sondern als «Passione» – Leidenschaft – bezeichnet. «Es ist schwierig, meine Freude zu beschreiben, wenn ich nachts alleine am Berg unterwegs bin», sagt er, «jede Nacht ist anders.» Mit ihren Fräsen reissen die Pistenbullys den harten und eisigen Schnee auf. Für die 30 Kilometer Piste brauchen die vier Fahrzeuge sechs Stunden; sie kehren erst Nachts um 23 Uhr zurück. Wenn es über Nacht schneit, müssen die Fahrer schon vier Stunden später, nämlich morgens um drei Uhr wieder zur Stelle sein und die frisch beschneiten Pisten glätten.

Luca Müller ist gelernter Metallbauer und hat sich zum technischen Leiter und Sicherheitschef weitergebildet. Zusammen mit seinem Team ist er für die Sicherheit des Skigebiets zuständig. Das heisst, er muss in der Lage sein, den Schnee und die Natur zu lesen. Ständig beobachtet er, wie sich der Schnee und das Wetter im Laufe des Tages entwickeln und ob Lawinengefahr droht.Jeden Morgen schneidet Müller ein Profil aus dem Neuschnee heraus, analysiert die Beschaffenheit der Schichten und übermittelt die Daten per E-Mail ans Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Bei viel Neuschnee und entsprechender Gefährdung startet das Sicherheitsteam den Helikopter, um die Schneemassen zu sprengen und die Pisten lawinensicher zu machen, bevor die Touristen eintreffen.

Viel Logistik ist auch bei der Belieferung der zwei Bergrestaurants nötig. Spätestens um acht Uhr morgens müssen die per LKW transportierten Lebensmittel an der Rampe der Seilbahn-Talstation bereitstehen, damit sie mit der ersten Gondel bis zur Mittelstation gelangen. Von dort aus werden die Paletten mit den Getränken oder dem frischen Gemüse mit dem Raupengabelstapler oder mit dem Pistenbully zu den beiden Gaststätten befördert. Beim Transport von Material für Events oder Skirennen wie etwa Stangen oder Sicherheitsnetzen kommen die leistungs­fähigen Pistenfahrzeuge ebenfalls zum Einsatz.

Dankbare Schneehasen.

Die nächtlichen Einsätze erfordern höchste Konzentration. Zwar sind die Pisten in der Saison links und rechts mit fluoreszierenden Stangen markiert, doch beim allerersten Schnee müssen Müller und seine Kollegen den Weg durch das Weiss ohne Markierungen finden. Dies ist in Airolo besonders anspruchsvoll, da die Pisten hier keine flachen Wiesen sind, sondern steile Hänge mit Steinen und Löchern. Die extreme Neigung von 30 Prozent macht sogar den Einsatz einer Seilwinde nötig, mit der ein Pistenbully den anderen hochzieht. Für Freestyler, die in der Nacht illegal die Pisten herunterfahren, kann das 1400 Meter lange, im Dunkeln unsichtbare Seil zur Falle werden. Diese Gefahr müssen die Pistenbullyfahrer stets im Hinterkopf haben.

Auf seinen nächtlichen Fahrten begegnet Müller hin und wieder wilden Tieren wie etwa Hirschen, Gemsen, Bergfasanen oder Schneehasen, die oft erst im Scheinwerferlicht des Fahrzeugs weghoppeln. «Die Hasen kennen den Ton des Pistenbullys inzwischen», sagt er, «sie profitieren von der präparierten Piste, weil sie nicht mehr so tief im Schnee einsinken und so weniger Energie brauchen.»

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