«Eine neue Dimension hinsichtlich Effizienz und Fahrzeit».

Wie beeinflusst der Gotthard-Basistunnel den Güterverkehr in Europa? Gespräch von Nicolas Perrin, CEO von SBB Cargo, mit Fabio Regazzi, Tessiner CVP-Nationalrat und Präsident des Swiss Shippers’ Council (SSC).

Herr Regazzi, Sie wurden in Locarno geboren und wohnen in Gordola am Lago Maggiore. Welche Rolle spielt der Gotthard in Ihrem Leben?

FABIO REGAZZI: Als Erstes kommt mir meine Rekrutenschule in der Festung in Airolo in den Sinn. Zudem erinnert mich der Gotthard an die langen Märsche auf dem Pass und im angrenzenden Gebirge. Als Erwachsener besuchte ich das Massiv öfters während der Jagdzeit. Gerne denke ich an die Besuche bei Freunden zurück, die eine Hütte im schönen Val Canaria besitzen.

Herr Perrin, Sie sind in der Deutschschweiz aufgewachsen. Welches ist Ihr Gotthard-Erlebnis?

NICOLAS PERRIN: Ich bin am Rhein aufgewachsen, war so indirekt mit einem Produkt aus dem Gotthardmassiv verbunden: dem Wasser. Der Bezug zur Quelle war also immer präsent. Der direkte Bezug zum Gotthard kam erst beruflich, dafür umso intensiver . . .

Welche Rolle spielt der Tunnel in Ihrer Amtsperiode?

PERRIN: Der neue Gotthardtunnel ist wie die alte Bergstrecke ein Jahrhundertbauwerk. Dies in Betrieb zu nehmen, ist ein Highlight für unsere Eisenbahnergeneration. Der Gotthard-Basistunnel bringt eine neue Dimension hinsichtlich Effizienz und Fahrzeit. Das bringt nicht nur uns Bahnbetreibern gewaltige Vorteile, sondern vor allem auch unseren Kunden.

REGAZZI: Es wird ja nicht nur ein Tunnel eröffnet, sondern – insbesondere nach Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels und des 4-Meter-Korridors – eine Flachbahn ins Leben gerufen. Güter können zukünftig ohne grössere Steigungen durch die Alpen und durch die Schweiz transportiert werden. Das heisst: kürzere Fahrzeiten, geringeres Risiko von witterungs­bedingten Störungen und die Möglichkeit, längere und schwerere Züge mit weniger Zugkraft zu fahren. Kurz: Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Schienengüterverkehrs werden massiv gesteigert.

Ist nicht der Personenverkehr der grosse Profiteur?

PERRIN: Das Schweizer Volk hat Ja zur Verlagerungspolitik im Alpentransit gesagt, und der Gotthard ist ein Baustein für die Umsetzung. Mit dem neuen Gütertransportgesetz ist nun auch die rechtliche Grundlage geschaffen, die notwendigen Kapazitäten langfristig zu sichern. Mir ist wichtig, dass wir im Mischverkehr das Optimum für beide Verkehrsarten ­herausholen. Das erreichen wir mit einer Harmonisierung der Geschwindigkeiten. Das heisst: Güterzüge sind schneller unterwegs als bisher und Personenzüge ­fahren nicht so schnell wie rein theoretisch möglich.

Wie sehen Sie die Bedeutung für Europa und für die globalen Güterströme?

REGAZZI: Die Alpentransversale ist ein wichtiger Korridor für die EU und somit zentral für die europäische Wirtschaft. Ihre Bedeutung für die Schweizer Verkehre darf dabei nicht vergessen gehen. Insbesondere müssen die versprochenen Gütertrassen im Basistunnel gesichert bleiben. Die globalen Warenströme über die Süd­häfen werden aufgrund der Investitionen im Seebereich an Bedeutung gewinnen und neue Dynamik auf die Korridore bringen.

Sie sind seit 2012 als erster Tessiner Präsident des Swiss Shippers’ Council (SSC). Was ist Ihr grösstes Anliegen?

REGAZZI: Unser Verband nimmt branchenübergreifend die Interessen der Industrie, des Handels und der Grossverteiler in allen Sparten des Gütertransports wahr. Wir setzen uns ein für eine freie Wahl der Transportträger sowie für optimale und nachhaltige Rahmenbedingungen im nationalen und internationalen Transportwesen. Mit den Entwicklungen des Outsourcings in den letzten Jahren zu Gunsten der Spediteure nimmt das SSC heute eine aktive Rolle in der multimodalen Abwicklung des Transports und der Digitalisierung der Dokumente ein.

Was haben Sie konkret erreicht?

REGAZZI: Als Mitglied der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats (KFV NR) habe ich die Möglichkeit, verschiedene Anliegen der Wirtschaft einzubringen und zu verteidigen. Dabei haben sich folgende Themen positiv entwickelt: Die FABI-Vorlage wurde vom Volk angenommen; die NEAT steht nicht mehr nur für den Personenverkehr; die Gefahrguttransporte auf der Schiene gehen nicht mehr auf die Strasse; die Wichtigkeit der Luftfracht für den Wirtschaftsstandort Schweiz ist anerkannt; der Aus­bau der Anbindungen zu den Südhäfen geht positiv voran. Zu den wichtigen Dossiers der Zukunft zählen eine Studie über ange­messene Terminalkapazitäten für Containersendungen und der Ausbau der zweiten Gotthardröhre.

Die Kapazität der Verkehrsinfrastruktur rückt immer stärker in den Fokus. Welche Lösungsansätze gibt es?

PERRIN: Ausbauten im grossen Stil wird es in den nächsten Jahrzehnten weder auf der Strasse noch auf der Schiene geben. Deshalb unterstützt SBB Cargo ein Mit­einander der Verkehrsträger. Als plan­bares, spurgeführtes System hat die Eisenbahn Potenzial, einen wesentlichen Beitrag zu leisten. Gerade mit dem Gotthard-Basistunnel wird die Verbindung vom Mittelland ins Tessin für die Schweizer Verlader hoch attraktiv. So haben wir zum Beispiel in Cadenazzo die entsprechenden Verknüpfungspunkte mit der Strasse schon bereitgestellt.

Wie wird die Konkurrenz zwischen Strasse und Schiene zur Partnerschaft?

REGAZZI: Ich setze auf die Logistikunternehmen, die Gesamtlösungen für die Verlader anbieten und dabei sowohl Strassentransporteure als auch Güterbahnen als Dienstleister einbinden. Die direkten Anbieter von Transportleistungen werden jedoch begriffsnotwendig für ihren jeweiligen Verkehrsträger kämpfen.PERRIN: Wir sind gerade deshalb Mitglied in Ihrem Verband, weil er eine Gesamtsicht vertritt. Ich finde aber, dass das SSC in Zukunft durchaus eine noch stärkere Rolle in der Vertretung der Logistikbranche einnehmen könnte. Logistik ist für die Standortqualität eines Landes ein wesentlicher Faktor – das sollten wir in der Schweiz viel bewusster anpacken. Das beginnt schon bei der Ausbildung, da sind andere Länder weiter. Da wollen wir uns stärker engagieren.

Wie sehen Sie die Rolle von SBB Cargo?

REGAZZI: SBB Cargo hat leider nach wie vor keine wirtschaftliche Eigenständigkeit im Konzern der SBB. Hier ist ein Befreiungs-schlag angezeigt. Die Gesetzesvor­lage zur Organisation der Bahninfrastruktur (OBI) muss diesen Weg gehen. Die Liberalisierung im Schienengüterverkehr sind nur auf dem Papier umgesetzt. Noch sind weder der systemrelevante Wagenladungsverkehr inklusive Swiss Split noch die Bedienung der letzten Meile für alle Güterbahnen zugänglich. Auch hier muss die OBI regulierend einwirken.

PERRIN: Betreffend Liberalisierung sehe ich es etwas differenzierter. In unseren engräumigen Strukturen werden kaum mehrere Netzwerkanbieter wirtschaftlich arbeiten können. Wir sind bereit, diese Leistung zu erbringen, und zwar unter betriebswirtschaftli-chen Bedingungen. Dazu soll die Politik die Voraussetzungen schaffen.

Welchen Beitrag leistet der Schienengüterverkehr für die Schweiz?

REGAZZI: Die Erfolge sind nachgewiesen, aber sie werden den Bund rund 3,6 Mil­liarden Franken an Betriebssubventionen kosten. Wir müssen darum für mehr Wettbewerb unter Güterbahnen und mehr Kapazitäten auf dem Netz sorgen, um eine eigenwirtschaftliche Verlagerung zu bewerkstelligen.

Sie politisieren seit 2011 für die CVP im Nationalrat. Welche Beziehung haben Sie zu Parteikollegin Doris Leuthard? Sind Sie in allen Punkten mit der Verkehrsministerin einverstanden?

REGAZZI: Unser Kontakt war immer ausgezeichnet und von grosser Herzlichkeit geprägt. Betreffend Gotthardsanierungstunnel habe ich bewundert und geschätzt, dass sie sich gegen die Meinung ihres Departements stellte und anschliessend den Bundesrat und das Parlament mit starken Argumenten überzeugen konnte. In anderen Dossiers sind wir nicht immer auf gleicher Wellenlänge, aber das gehört zur Freiheit und Unabhängigkeit der Rolle des Parlamentariers. Das ändert nichts an meiner grossen Achtung ihr gegenüber.

Steht die Schweizer Politik genügend hinter dem Schienengüterverkehr?

PERRIN: Formal wird primär der alpenquerende Verkehr gefördert. Da sind die Güterbahnen gut unterwegs, auch wenn die tiefen Margen in diesem Geschäft und der Wettbewerb mit den osteuropäischen Lastwagen eine extreme Herausforderung sind. Im Binnenverkehr wickeln wir auf sehr kurzen Distanzen knapp einen Viertel der gesamten Güterverkehrsleistung der Schweiz ab. Im internationalen Vergleich ist das bemerkenswert. Natürlich profitieren wir vom regulatorischen Rahmen auf der Strasse. Ich denke aber, Voraussetzung dafür ist eine täglich gute Leistung unsererseits, welche von der Schweizer Wirtschaft und Politik erwartet wird.

Die Auftragslage der Schweizer Industrie ist rückläufig, zugleich steigt der Kostendruck  . . .

PERRIN: Gerade mit dem starken Franken haben wir in der Tat eine Herausforderung. Viel Spielraum gibt es nicht, ausser die Kosten weiter zu reduzieren und das Angebot den neuen Voraussetzungen anzupassen. Zum Glück ­haben wir uns seit Längerem neben der Industrie auch auf den Dienstleistungssektor spezialisiert. So können wir die Auswirkungen abfedern. Gerade im Verkehr mit dem Tessin hat dieses Segment eine starke Stellung und wird sich mit dem Basistunnel weiter entwickeln.

Wie beurteilen Sie den Wirtschaftsraum in Norditalien, speziell die Lombardei?

REGAZZI: Italien ist ein starker Handelspartner der Schweiz. Mit den Investitionen in die Häfen und in die Bahninfrastruktur ist Italien auf gutem Weg. Dies eröffnet den Logistikunternehmen und Verladern neue Chancen, um die Güterbahn auch in unserem südlichen Nach­barland einzusetzen.

Sie leiten ihr Familienunternehmen in der Metallbranche. Welche Bedeutung hat der Standort in der Südschweiz?

REGAZZI: Die Tessiner Wirtschaft leidet unter der Konkurrenz des nahen Italien und des Auslands im Allgemeinen. Die besten Chancen haben spezialisierte Branchen, die international aufgestellt sind. Mein Anliegen ist es aber, dass auch traditionelle Branchen die Herausforderungen einer immer wettbewerbsorientierteren Wirtschaft bewältigen können.

PERRIN: Ich bin überzeugt, dass der neue Tunnel im Tessin einiges positiv verändern wird. Dank der kürzeren Fahrzeit können wir zum Beispiel auch die Westschweiz im Nachtsprung mit dem Süden verknüpfen. Zudem reduzieren sich die Naturgefahren, die ja immer wieder auf Schiene oder Strasse zu längeren Sperrungen geführt haben. 

Fabio Regazzi.

Fabio Regazzi, 53, ist CEO der Regazzi Holding SA, eines Familienunternehmens auf dem Gebiet des Maschinenbaus und der Metallverarbeitung. Er ist seit 2011 CVP-Nationalrat und Mitglied von Kommissionen in den Bereichen Verkehr und Telkom. Seit 2012 ist er Präsident des Swiss Shippers’ Council (SSC). Er hat Rechtswissenschaften an der Universität Zürich studiert.

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