Neue Chancen für die Sonnenseite.

Wie wird sich der Kanton Tessin mit dem neuen Gotthardtunnel verändern? Eine Umfrage bei wichtigen Exponenten über Hoffnungen, Befürchtungen und Möglichkeiten für Mensch und Wirtschaft.

In weniger als zwei Stunden im Zug von Lugano nach Zürich! Spätestens 2020, wenn die NEAT-Zufahrtsstrecken Zugersee Ost und Axen saniert sind und auch der Ceneri-Basistunnel fertig ist, wird dieses Szenario Wirklichkeit. Der neue Gotthardtunnel bringt die Menschen im Norden und Süden der Schweiz schneller, zuverlässiger und sicherer zusammen. Marco Solari, langjähriger Tessiner Tourismusdirektor und aktuell Präsident des internationalen Filmfestivals von Locarno, gerät darüber ins Schwärmen: «Wir Tessiner liegen dann plötzlich in Pendlerdistanz zur Deutschschweiz, können in Zug oder Zürich arbeiten und weiterhin in der italienischen Schweiz wohnen.»

Zum Vergleich verweist er auf die vielen Walliser, die seit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels fleissig nach Bern und in andere Städte nördlich des Alpenkamms pendeln. Mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels zeichne sich im Tessin eine  ganz ähnliche Entwicklung ab, ist er überzeugt. Er rechnet sogar mit sonnenhungrigen Deutschschweizern, die dann in das Tessin umziehen werden, um im warmen Süden zu wohnen und täglich in den grauen Norden zur Arbeit zu fahren.

Kein Pendlerboom in Sicht.

Im Umfeld der Bahnhöfe von Bellinzona und Lugano, den künftigen Nahtstellen, müssten folglich nun die Baumaschinen lärmen. Doch bislang hat sich dort wenig getan. Jedenfalls ist es erstaunlich ruhig, und von einem Bauboom kann im Moment nicht die Rede sein. Dies mag ein Indiz dafür sein, dass längst nicht alle Tessiner die Entwicklung so optimistisch einschätzen wie Solari.

Kritische Stimmen gehen davon aus, dass die Pendlerattraktivität des neuen Gotthardtunnels gering sein wird. Der Unternehmer und CVP-Nationalrat Fabio Regazzi glaubt: «Einen ähnlichen Effekt, wie wir das im Oberwallis beobachten konnten, wird es wegen der doch deutlich längeren Reisezeit und der nicht über- wundenen Sprachgrenze im Tessin nicht geben.» Eher ernüchternd ist auch die Prognose des Amts für Wirtschaft des Kantons Tessins. Der Pendelverkehr zwi- schen dem Tessin und dem Rest der Schweiz werde aufgrund der besseren und schnelleren Verbindungen nur minimal wachsen, heisst es in einer Studie über die zu erwartenden wirtschaftlichen Auswirkungen von Alp Transit.

Als grössten Nutzniesser haben die Experten des Amts für Wirtschaft die Tourismusbranche eruiert. «Sie wird unmittelbar von den kürzeren Fahrzeiten profitieren können», sagt Ruth Nydegger, Autorin der erwähnten Studie. Erwartet werden im Tessin in Zukunft vor allem viel mehr Tagesgäste. Heute fahren täglich rund 9000 Personen mit der SBB über den Gotthard. Bis 2025 dürfte sich die Zahl der Reisenden dank der Verdichtung und Beschleunigung des Angebotes ver- doppeln, bereits 2020 rechnet die SBB mit mindestens 15 000 Reisenden pro Tag. Das dürfte dem Dienstleistungssektor 700 bis 1400 neue Arbeitsplätze bringen und einen Umsatz von 40 Millionen Franken auslösen. Diese Summe entspricht gerade mal 0,5 Prozent des kantonalen Bruttoinlandproduktes (BIP). Das klingt in Anbetracht der gigantischen Investitio- nen, die mit dem Gotthard-Basistunnel getätigt werden, eher bescheiden.

Schneller, länger, schwerer.

Das wirkliche Potenzial liegt allerdings nicht im Personenverkehr. Regazzi verweist auf die künftigen Möglichkeiten im Warenverkehr und auf die Güterzüge, die nicht nur schneller, sondern auch länger und schwerer sein und die Kapazität auf der Nord-Süd-Strecke mehr als verdoppeln werden. «Das Tessin wird als zentraler Ort auf der internationalen Achse Genua–Rotterdam für alle in der Logistik tätigen Unternehmen attraktiver», betont er. Dazu beitragen würde auch der Umstand, dass die gleiche Warenmenge künftig mit weniger Lokomotiven, Personal und Energie befördert werden könne. Das mache den Transport insgesamt wirtschaftlicher.

Direkt angesprochen ist damit die in Chiasso ansässige Hupac, das führende Unternehmen im kombinierten Verkehr durch die Schweiz. «Als Tessiner Unter- nehmen glauben wir an die Entwicklungsperspektiven der neuen Alpentransversale und wir versprechen uns davon einen Aufschwung des kombinierten Verkehrs», erklärt Hupac-Sprecherin Irmtraut Tonndorf. Allerdings fällt es ihr schwer, einen direkten Nutzen für das Tessin auszumachen. «Die NEAT wird in erster Linie den internationalen und grossräumigen Transit- bzw. den Import/Export-Verkehr begünstigen», betont sie. Das Tessin kann sich also von der neuen Verbindung primär mehr Lebensqualität und eine sauberere Umwelt erhoffen, indem möglichst viele Güter von der Strasse auf die Schiene verlagert werden.

«Dieser Verlagerungseffekt hängt letztlich aber von der Wettbewerbsfähigkeit des Bahnsystems gegenüber der Strasse ab», so Hupac-Direktor Bernhard Kunz. Er sorgt sich, dass sinkende Diesel- und hohe Trassenpreise sowie der starke Franken die Entwicklung des kombinierten Verkehrs gefährdeten. Die Transport- branche befürchtet zudem eine Vorzugsbehandlung des Personenverkehrs und eine Benachteiligung des Güterverkehrs. Für das Tessin selbst stellt sich beim Güterverkehr noch vehementer als beim Personenverkehr die Frage, wie er von der NEAT profitieren kann. «Tatsächlich besteht die Gefahr, dass das Tessin noch mehr zum reinen Durchgangskorridor werden könnte», räumt Filippo Celio ein, Rechtsanwalt und Unternehmer in Lugano. Er appelliert an den lokalen Unternehmergeist, der fähig sei, die Chancen der neuen Eisenbahnverbindungen zu erkennen und zu nutzen. Vieles hänge in Ergänzung zum Gotthard-Basistunnel auch davon ab, wie die weiteren Bahnprojekte im Süden des Kantons voranschreiten würden, so etwa die Strecke Lugano–Malpensa. Deren Eröffnung werde das in Logistik und Industrie bereits starke Südtessin enger mit Varese und Como verknüpfen und es zu einer sehr wichtigen grenzüber- schreitenden Region machen.

Wie sehr sich der Austausch zwischen dem Tessin und dem Raum Lombardei intensivieren wird, entscheidet sich laut Celio über den Ausbau der NEAT- Anschlussstrecken in Oberitalien. Für den Güterverkehr entscheidend ist hier der Vier-Meter-Korridor. Während die Lötschberg-Simplon-Achse ein Lichtraumprofil von vier Metern aufweist, können heute auf der Gotthard-Route nurContainer und Sattelauflieger mit 3,84 Metern Eckhöhe befördert werden. Um die Verlagerung der alpenquerenden Gütertransporte von der Strasse auf die Schiene zu fördern, baut die SBB im Auftrag des Bundes die Strecke von Basel ins Tessin bis 2020 zu einem Vier-Meter-Korridor aus. «Erst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann der Gotthard-Basistunnel grossräumig seine volle Wirkung entfal- ten», so Celio. Ähnlich äussert sich Ruth Nydegger: «Um den wirtschaftlichen Nutzen der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels zu verstärken und zu optimieren, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen von Staat und Wirtschaft.» Beim Amt für Wirtschaft sind mittlerweile nicht weniger als 50 Massnahmen und Interventionen aufgelistet, mit denen der Kanton zusammen mit Vertretern verschiedener Wirtschaftsbranchen in den nächsten Jahren das Potenzial der neuen Verbindung gewinnbringend ausschöpfen und dem Tessin den erhofften NEAT- Schub verpassen möchte.

Marco Solari.

Marco Solari (71) ist Präsident des internationalen Filmfestivals von Locarno. Er war langjähriger Präsident von Tessin Tourismus und 1991 Chef der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft.

«Der neue Gotthardtunnel ist gut für den Zusammenhalt unseres Landes und hat staatspolitisch eine wichtige Bedeutung. Mit der Eröffnung rücken nicht nur Zürich und Basel, sondern auch Bern und die Suisse Romande mit einem Schlag der italienischen Schweiz viel näher. Der Tourismus erhält eine grosse Chance, sich neu zu entfalten. Die Vermittlerrolle des Tessins zwischen Nord und Süd wird sich, wenn wir sie seriös ausüben wollen, noch ausgeprägter entwickeln.»

Filippo Celio.

Filippo Celio (49) ist Rechtsanwalt und Unternehmer in Lugano und Bellinzona. Der ehemalige Eishockeyprofi gab 2012–13 das TES-Magazin heraus, um das Tessin der Deutschschweiz näherzubringen.

«Die Chancen steigen, dass sich neue Firmen aus der Deutschschweiz und aus Deutschland im Tessin ansiedeln werden und umgekehrt. Von der neuen und schnelleren Verbindung wird auch der Bildungsplatz Tessin mit der Universität und der Hochschule Lugano profitieren. Mehr Mobilität bedeutet einerseits mehr Konkurrenz, aber auch mehr Qualität und ein schnelleres Wirtschafts- und Tourismuswachstum.»

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