Kühe, Kräuter, Käse.

«Ich miete Kühe», fasst Angelo Lombardi seine Tätigkeit auf 2156 Metern über Meer zusammen. Bis 2010 brachte er noch seine eigenen Tiere auf die Alp Sorescia, heute sind es rund 20 Mietkühe aus dem Tessin und über 70 aus der Deutschschweiz, die ihre Ferien dort oben verbringen. In der Nähe des Gotthardpasses wachsen ganz andere Blumen und Kräuter als unten im Tal. Der Himmel ist weit, und die Aussicht auf den Piz Cristallina und den Passo San Giacomo prächtig. Für den 67-Jährigen bedeutet dieses Leben ganz einfach Freiheit. Das hat er schon mit sechzehn gespürt, damals noch mit seinem Vater.

Mitte Juni beginnt die Saison: Die Kühe machen sich von Airolo auf den vierstündigen Marsch über die alte Tremolastrasse mit den unzähligen Kehren in Richtung Gotthardpass. Am Hospiz biegen sie ab und folgen dem 2,5 Kilometer langen Strässlein zur Alp Sorescia. Begleitet werden die Tiere von zwei Hirten und zwei Hirtenhunden, die Lombardi neben zwei Käsern den ganzen Sommer lang zur Seite stehen. Zu tun gibt es auf den 400 Hektaren genug, etwa 90 Kühe zu melken. Jeden Morgen, jeden Abend. Der fahrbare Melkstand mit den sechs Plätzen wandert mit der Herde ein paar Mal pro Sommer von Wiese zu Wiese. Jeden Tag wird die frische Milch zu Alpkäse verarbeitet, der seit 2004 das Herkunftssiegel DOP – Denominazione d’Origine Protetta – trägt. 2000 Laibe à jeweils fünf bis sechs Kilo sind die Ausbeute pro Sommer, das macht rund zehn Tonnen Käse.

«Am besten schmeckt der Alpkäse mit einem Glas Rotwein», sagt Lombardi. Die Reife erhält der Käse von sechs bis zwölf Monaten Lagerung und Pflege. Rund 90 kg davon verzehren Lombardi und sein Team in einem Alpsommer gleich selbst. Es mache ihm Spass, selbst für seine fünfköpfige Truppe zu kochen. Dies nicht zu knapp: Die harte Arbeit an der frischen Luft sorgt für Appetit. Anfang Saison karrt der gelernte Landwirt in seinem Geländewagen mit Anhänger jeweils haufenweise Lebensmittel auf die Alp. Im Laufe des Sommers vertilgen die Sennen 50 kg Salami und Schinken, 150 kg Reis und Pasta. Zweimal die Woche geht Lombardi nochmals im 20 Autominuten entfernten Airolo einkaufen und holt die Post: So kommen Woche für Woche zehn Kilo Brot dazu, ausserdem jeden Tag Salat und Früchte.

Im Gegenzug transportiert Lombardi mit seinem 4  x  4 fast täglich den selbst gemachten Käse hinunter nach Airolo in sein Feinkostgeschäft «Il Nostrano». 2009 übernahm der Landwirt die ehemalige Molkerei im Dorfkern und baute sie um. Jetzt sieht es an der Via San Gottardo aus wie im Schlaraffenland. In den hellen Holzregalen stehen regionale Produkte und Tessiner Spezialitäten wie Lendenschinken, Salametti, Joghurt, Ziegenkäse sowie Polenta und Risottoreis. Trockenfleisch, Pancetta und Lardo stammen von den 30 Mastschweinen, die den ersten und letzten Sommer ihres Lebens ebenfalls auf der Alp Sorescia verbringen. Sogar zuoberst auf dem Gotthardpass sind Lombardis Alpkäse und Salami erhältlich: Der mobile Verkaufsanhänger für hungrige Durchreisende ist geöffnet, wenn der Pass befahrbar ist.

Je steiler, desto lieber.

Besonders viel Einsatz erfordern die Vorbereitungen für den Alpenbrunch am Nationalfeiertag. Bis zu 350 Personen strömen jeweils am 1.   August auf die Alp Sorescia, wo sie sich am Buffet mit Tessiner Spezialitäten, an Polenta, Mortadella und Käse gütlich tun und der Volksmusikgruppe aus der Leventina lauschen. Fünfzig Tische und hundert Bänke werden dann auf die Alp transportiert und aufgestellt. Zum Glück helfen Freunde und Familie tatkräftig mit, und abends sitzen alle noch gemütlich zusammen.

Im Winter wohnt Lombardi in einem 120-jährigen Haus in Airolo, in dessen Keller er einen Teil der Käselaibe lagert und regelmässig putzt. Die gemieteten Kühe kehren in den Laufstall zurück – ein Teil davon in den Bauernhof am Dorfausgang von Airolo, den Lombardi 2010 einem jüngeren Kollegen zur Pacht übergeben hat. Wenn es draussen kalt ist, hat Lombardi Zeit für andere Interessen. Er fährt gerne Ski, und auch hier gilt: je steiler die Piste, desto lieber. Oder er frönt der Kunst: Angetan hat es ihm der Landschaftsmaler Giovanni Segantini. Und ja, er gibt es verschmitzt zu: Die stilisierte Frau auf seiner Visitenkarte wurde ein klein wenig von einem Segantini-Bild inspiriert: Die Sennerin trägt Stock und Hut und blickt verträumt in die Ferne.

Weiterführender Inhalt

SBB Cargo AG

Kommunikation

Bahnhofstrasse 12

4600 Olten