Nicolas Perrin, kommen Sie überhaupt noch aus dem Büro raus?
Der CEO von SBB Cargo über Boden unter den Füssen, substanzielle Verbesserungen und grosse Leistungsbereitschaft.
Nicolas Perrin, seit Sie Ihr Amt bei SBB Cargo im Januar 2008 angetreten haben, sorgt das Unternehmen für Negativschlagzeilen. Wie geht es Ihnen? Als ich vor bald zwei Jahren als CEO begonnen habe, waren bei SBB Cargo verschiedene Probleme zu lösen. Wir haben einen Sanierungsplan erarbeitet und umgesetzt. Durch die schwere internationale Krise in der gesamten Transportbranche wurde dieser Prozess nun markant erschwert. Wir haben im ersten Halbjahr 2009 16 Prozent Umsatz eingebüsst und mussten also zusätzliche Massnahmen ergreifen. Das stellt nicht nur mich, sondern alle Mitarbeitenden von SBB Cargo vor grosse Herausforderungen.
Woher nehmen Sie die Motivation und die Kraft? Aus meiner Überzeugung heraus, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die gesamte Belegschaft identifiziert sich mit dem Unternehmen und zeigt in dieser schwierigen Phase eine ausserordentliche Leistungsbereitschaft. Wir haben in diesen zwei Jahren enorme Fortschritte erzielt.
Wie äussert sich das konkret in Zahlen? Im Rahmen des Sanierungsprogramms haben wir bereits 2008 Spareffekte von 53 Millionen Franken erzielt. Und im laufenden Jahr haben wir zusätzliche Massnahmen umgesetzt, womit wir den Umsatzrückgang teilweise kompensieren konnten. Allein im ersten Halbjahr hat SBB Cargo mit Gegenmassnahmen in der Höhe von 50 Millionen Franken die finanziellen Folgen der Wirtschaftskrise abgeschwächt. Zugute kommt uns dabei, dass wir im Vergleich zur internationalen Konkurrenz sehr früh auf die Krise reagiert und bereits im August 2008 aktiv Kapazitäten aus dem Markt genommen haben. Mit 16 Prozent fiel unser Umsatzeinbruch gegenüber dem europäischen Branchenmittel von rund 25 Prozent weniger drastisch aus. Auch die Kundenbeziehungen wurden enorm intensiviert und wir haben unsere Leistungen rasch den neuen Bedürfnissen angepasst. Dennoch: Der Rückgang beim Verkehr wird uns leider auch im laufenden Geschäftsjahr rote Zahlen bescheren.
Sind der Wirtschaftskrise auch geplante Investitionen von SBB Cargo zum Opfer gefallen? Im ersten Halbjahr 2009 haben wir sämtliche Investitionen auf Eis gelegt. Als Erstes wurde nun das Programm zur Modernisierung der Rangierlokomotiven angestossen. Ziel ist die vollständige Erneuerung der gesamten Flotte innerhalb der nächsten Jahre. Damit wollen wir die flächendeckende Bedienung des Standorts Schweiz sicherstellen. Dank des deutlich geringeren CO2-Ausstosses der neuen Lokomotiven geben wir damit zudem ein klares Statement für den Umweltschutz ab.
Obschon der Preisdruck in der Branche enorm ist, hat SBB Cargo die Transporttarife nicht gesenkt. Befürchten Sie keine Marktanteilsverluste? SBB Cargo steht für eine langfristig und nachhaltig ausgerichtete Preispolitik, die bei kurzfristigen Schwankungen in beide Richtungen stabil ist. Das passt zu unserem Bestreben, langfristige und enge Kundenbeziehungen aufzubauen, die auf gegenseitigem Vertrauen basieren. Wir wollen auch nicht aktiv an einer negativen Preisspirale drehen, die für den gesamten Güterverkehrsmarkt sehr ungesund ist. Marktanteilsverluste befürchte ich deshalb nicht. Im Gegenteil, das Verständnis der Kundschaft für unsere Preisstrategie ist mehrheitlich vorhanden.
Sie erwähnten den Binnenverkehr. Wie bedeutend ist der Service von SBB Cargo im eigenen Land für die Schweizer Wirtschaft? Viele grosse Schweizer Industriekonzerne stützen ihre gesamte Logistik auf die Dienstleistungen von SBB Cargo. Ein Ausfall dieses Service wäre für sie mit enormen Problemen, Umstellungen und Kosten verbunden. Unser Marktanteil im Binnenverkehr liegt heute bei 23 Prozent; auf der wichtigen Ost-West-Achse ist er noch höher. Wenn dieser Verkehr plötzlich auf die Strasse umgelagert würde, würde nur schon die massive Zunahme von Staus enorme Kosten verursachen. Dazu kommt der ökologische Vorteil der Bahn. Ein Bahnanschluss für grosse Betriebe reduziert auch im nahen Umfeld den Strassenverkehr. Hier braucht es verstärkt eine raumplanerische Steuerung.
Rechnen Sie für 2010 bereits mit dem Ende der Krise? Die Konjunktur befindet sich nach einem schlechten ersten Halbjahr zurzeit zwar in einer Stabilisierungsphase. Von einer nachhaltigen Erholung können wir für das kommende Jahr aber noch nicht ausgehen. Ein geringes Wachstum, allerdings auf einem sehr tiefen Niveau, halte ich für möglich. Dies jedoch nur, wenn die Konjunktur nicht durch unvorhersehbare Ereignisse einen neuen Dämpfer erleidet.
Welche Ziele stecken Sie sich für 2010? Wir sind im Moment daran, wieder Boden unter den Füssen zu spüren. Wenn diese Basis stabil bleibt und wir darauf aufbauen können, sind die wesentlichen Ziele für 2010 bereits erreicht. Dazu strebe ich für SBB Cargo eine substanzielle Verbesserung an, sowohl auf finanzieller Seite als auch auf qualitativer Ebene bei den Leistungen für die Kunden.
Die Arbeit wird Ihnen also nicht ausgehen. Kommen Sie überhaupt noch aus dem Büro raus? Meine Präsenzzeiten sind in der Tat sehr lang. Das gilt aber auch für viele andere Kolleginnen und Kollegen bei SBB Cargo, bei denen das Licht teilweise noch brennt, wenn ich das Büro abends verlasse. Der Druck auf uns allen ist permanent hoch.
Wo tanken Sie Energie auf? Oft zieht es mich in der Freizeit aufs Wasser, das eine wohltuende Abwechslung zum beruflichen Alltag rund um die Schiene darstellt. Kraft geben mir auch die vielen positiven Reaktionen von Kunden und aus den Reihen unseres Personals, das wirklich mit vollem Einsatz bei der Sache ist. Da wird einem als Chef immer wieder bewusst, dass sich der grosse Aufwand lohnt.

Alter Bahnhase. Nicolas Perrin, 50, ist seit 2007 CEO von SBB Cargo. Der diplomierte Bauingenieur ETH arbeitet seit 1987 für die Schweizerischen Bundesbahnen; unter anderem war er persönlicher Mitarbeiter des Präsidenten der SBB-Generaldirektion und Stellvertreter des Delegierten für die Bahn 2000. 1999 stiess Perrin zu SBB Cargo, wo er zuerst die Produktion leitete und, ab Anfang 2007, den Geschäftsbereich International. Nach dem Rücktritt von Daniel Nordmann im August 2007 übernahm Perrin die Leitung von SBB Cargo – zunächst interimistisch und seit 2008 regulär. Nicolas Perrin ist verheiratet und lebt in Schaffhausen.

 | | «Vierzig Rangiertraktoren modernisiert.» Jürgen Mues, Leiter Asset Management. «Die Krise hat auch den Geschäftsbereich Management nicht verschont. Durch rasches Handeln haben wir unsere Flotte um 15 bis 20 Prozent reduziert. Wir gaben Mietfahrzeuge zurück und legten eigene Fahrzeuge still. Gleichzeitig erneuert SBB Cargo schrittweise ihre Rangierflotte. Das Industriewerk Biel modernisiert vierzig Rangiertraktoren vom Typ Tm IV für SBB Cargo. Damit stellen wir die zuverlässige Bedienung der Kunden vor Ort in der ganzen Schweiz sicher. Je nach konjunktureller Entwicklung wird SBB Cargo in den nächsten Jahren solche Retrofits an weiteren Rangiertraktoren durchführen. |
 | | «Es wird anspruchsvoll bleiben.» Adrian Keller, Leiter Geschäftsbereich Schweiz. «Die Wirtschaftskrise hat das Schweizer Geschäft stark getroffen: Der Umsatz ist im ersten Halbjahr um über 10 Prozent eingebrochen. Es galt, rasch und nachhaltig die Kosten zu senken, insbesondere bei der Flotte und beim Personal. An Standorten, die vom Verkehrsrückgang stark betroffen sind, haben wir gemeinsam mit unseren Kunden die Bedienkonzepte angepasst. Mein Fazit: Die Krise hat uns enger zusammenrücken lassen, als Unternehmen, im Management und auch mit den Kunden. Wir sind bereit für 2010, das ähnlich anspruchsvoll sein wird wie das zu Ende gehende Jahr.» |
 | | «Enger mit den Kunden verzahnt.» Annette Jordan, Leiterin Geschäftsbereich International. «International verzeichneten wir im ersten Halbjahr 2009 einen Umsatzrückgang von rund 20 Prozent, konnten den Umsatz dann aber dank umfassenden Massnahmen stabilisieren. Wir haben rasch die Kapazitäten angepasst, eine durchgängige Produktionsplanung für die gesamte Nord-Süd-Achse umgesetzt und schlichtere Prozesse eingeführt. Bei Produktionskonzepten und Zugsbestellungen sind wir enger mit Kunden verzahnt, ebenso erarbeiten wir mit Grosskunden gemeinsame Entwicklungspläne. Auch für 2010 erwarten wir ein schwieriges Jahr, rechnen jedoch mit Stabilisierung und vereinzelt leichtem Mengenanstieg.» |
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