Interview
Steht Emmenbrücke auf dem Spiel?
Marcel Imhof, COO von Schmolz + Bickenbach, über gute Rohstoffe, bessere Mitarbeiter und die Standortgebundenheit des Know-hows.
Marcel Imhof, die Stahlbranche musste im letzten Jahr besonders grosse Einbussen hinnehmen. Welche Sektoren waren am meisten davon betroffen?
Es war ein massiver Einbruch, der alle Märkte getroffen hat: erst die Automobil-industrie, dann die Maschinenindustrie, gefolgt von der Hydraulik- und der Apparateindustrie. Geringer sind die Einbrüche in den Bereichen Lebensmittel-industrie und Chemie. Im ersten Halbjahr 2009 ist die abgelieferte Tonnage in Europa um über 40 Prozent zurückgegangen.
Wie hat Ihre Unternehmung auf diese Herausforderungen reagiert?
Im September 2008 begannen die Kunden praktisch von einem Tag auf den anderen, Aufträge zu verschieben und zu annullieren. Zunächst fuhren wir die Produktion zurück. Anfang 2009 mussten wir Kurzarbeit einführen und in einem Werk eine Schicht abbauen. Vereinzelt sprachen wir Kündigungen aus und nahmen vorzeitige Pensionierungen vor. Unser Ziel war es, das Know-how nicht zu verlieren, wenn die Zeiten wieder ändern. Die Kunden leerten in den letzten Monaten ihre Lager. Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage irgendwann wieder dem realen Verbrauch entsprechen wird.
Steht der Standort Emmenbrücke auf dem Spiel?
Nein, das ist für uns kein Thema. Unser über Jahrzehnte aufgebautes Know-how ist stark an den Standort und die Anlage gebunden. Wir tätigen auch in schlechten Zeiten weiterhin Investitionen in den Standort Emmenbrücke.
Wagen wir einen Ausblick ins Jahr 2010: Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?
Wir nehmen an, dass der Tiefpunkt nun durchschritten ist. Es ist wahrscheinlich noch ein langer Tunnel, aber wir sehen das Licht. Seit den Sommerferien nimmt die Auftragslage wieder leicht zu. Wir richten uns darauf aus, 2010 wieder auf den Werten von vor den Boomjahren einzupendeln. Die Jahre 2006, 2007 und die erste Hälfte 2008 waren sehr gute Jahre.
Sie sind stark mit der Automobilbranche vernetzt. Auf welche Anreize reagiert die Automobilbranche positiv?
Absatzfördernd wirken neue Modelle und Technologien, wie etwa gasbetriebene Autos. Die Abwrackprämie hat sich auf die Verkaufszahlen von Kleinwagen positiv ausgewirkt. Möglicherweise wird die Nachfrage nach kleineren Autos oder Elektroautos grösser werden. Wir fürchten nicht, dass das Auto einfach verschwindet.
Die Schweiz ist nicht gerade für ihr grosses Vorkommen an Eisenerz bekannt. Wie schaffte es Schmolz + Bickenbach dennoch zum weltweit grössten Hersteller, Verarbeiter und Distributor von Edelstahlprodukten?
Wir verfügen über kein eigenes Erz, aber über eine bedeutende Menge des sekundären Rohstoffs Eisenschrott. Er wird unter anderem aus gebrauchten Eisenbahnschienen, alten Bahnwagen oder auch Bügeleisen generiert. Neben dem Rohstoff benötigen wir auch gute und motivierte Mitarbeiter und moderne Anlagen, um unserer Produkte in hoher Qualität zu erzeugen.
Eisern voran
Marcel Imhof, 61, ist Chief Operating Officer der Schmolz + Bickenbach AG. Der Absolvent der HSG promovierte 1976. Er war bei der BBC (heute ABB) und bei der Moos Stahl (heute Swiss Steel AG) tätig und ist seit 2006 COO der Schmolz + Bickenbach. Die Schmolz + Bickenbach-Gruppe ist Nr. 1 im globalen Markt bei rostfreiem Langstahl und Werkzeugstahl und beschäftigt 10000 Mitarbeiter. Marcel Imhof ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
